Wenn ein Gedicht zur Revue wird: „Kruso“ am Hans Otto Theater

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Eine rätselhafte Freundschaft von Schiffbrüchigen: zwischen dem Potsdamer Offizierssohn Kruso (Raphael Rubino, links) und dem Studenten Ed (Holger Bülow).  Foto: HL Böhme

 

Den Zuschauern, die Lutz Seilers Buch nicht gelesen haben, geht es wie Edgar: Sie fallen aus dem Nichts mitten in die Handlung hinein und haben Schwierigkeiten, sich zu orientieren und Fuß zu fassen. Die Fäden der Theateradaption des preisgekrönten Romans „Kruso“ lassen sich nur schwer greifen und fügen sich am Ende zu einem löchrigen Gewebe zusammen.

Für die Eingeweihten, die Seilers Roman und seine Figuren kennen, ist diese Inszenierung indes eine kraftvolle Stimme, die neue Töne anschlägt und Stimmungen schafft, die die Düsternis aufbrechen.

Regisseur Elias Perrig lässt aus dem epischen Dickicht eine Revue werden, die zwischen den Gefühlslagen temporeich mäandert. Er klebt nicht an der Vorlage, sondern fügt etwas Neues hinzu: Heiterkeit, Gesang und sinnstiftende Bilder. Wenn sich die Crew des Betriebsferienheims „Klausner“ die Teller zuwirft, hat das Schwung und Witz und bringt auf den Punkt, was Arbeit ausmacht: Jede Hand wird gebraucht, jeder muss sich auf den anderen verlassen.

„Kruso“ spült uns kurz vor der Wende auf das schmale Eiland Hiddensee, auf die „Insel der Seligen, der Träumer und Traumtänzer, der Gescheiterten und Ausgestoßenen“, auf das „Capri des Nordens“. Dorthin verschlägt es auch Ed, den Studenten, der über den Unfalltod seiner Freundin nicht hinweg kommt. Irgendwann klappt er seine Bücher über Trakl einfach zu, verlässt die Uni-Stadt Halle und wird Abwäscher im „Klausner“. In dieser legendären Gaststätte am Dornbusch findet er eine Bleibe – und einen Freund: Kruso.

Lutz Seiler schrieb seinen Roman wie ein langes Gedicht. Behutsam und vorsichtig legt er das Innere seiner so kantigen Helden frei. Wir fühlen ihre Verletzungen, ihre Einsamkeit, ihre Sehnsucht, die klammheilig um sich greift. Diese vermeintliche Insel der Freiheit konfrontiert uns rigoros mit dem Tod. Denn viele der Schiffbrüchigen, die hier stranden, zieht es weiter: zur Flucht übers Meer.

Dieses Thema forciert Elias Perrig in seiner Inszenierung am Hans Otto Theater: Auch ohne dass Andrea Thelemann überflüssigerweise wie aus Versehen von Flüchtlingen statt von Schiffbrüchigen spricht, springt uns an diesem Theaterabend die Aktualität des so vielschichtigen Romans förmlich an. Wenn Kruso, der Menschenfreund, über die Wege der Toten nachdenkt, stockt der Atem: „Zuerst schwimmen sie noch. Oder rudern ein bisschen. Oder sie hocken in winzigen Tauchmaschinen, oder sie hängen an Motoren, die sie durch die Brandung ziehen. Aber sie schaffen es nicht. Irgendwo da draußen läuft Wasser in den Vergaser, oder sie erfrieren, oder die Kraft reicht nicht aus …“

Wenig später setzt er nach: „Warum druckt man das Meer mit diesem vermaledeiten, hoffnungsfrohen Hellblau in den Schulatlanten, dieses verdammte trügerische Hellblau, jeder Kinderschädel wird weich davon. Warum druckt man die Meere nicht schwarz, wie die Augen der Toten, oder rot wie Blut?“

Raphael Rubino spricht diese Sätze schlicht und einfühlsam. Er hüllt diesen Kruso in einen geheimnisvollen Mantel, der das Vergrabene des Kindheitsschmerzes nur zögerlich preisgibt. Und schließlich zurückführt in das „Militärstädtchen Nr. 7“ in Potsdam: dort, wo alles seinen unheilvollen Anfang nahm. Wo willkürlich über Leben und Tod entschieden wurde.

Raphael Rubino als Kruso und Holger Bülow als Ed bestimmen mit ihrem knisternden Spiel einer ungewöhnlichen Männerfreundschaft den Abend: Ihre Begegnung erzählt von Einsamkeit, über die auch die schmale Brücke der Zweisamkeit immer den Abgrund mitfühlen lässt. Doch erst im Zusammenwirken mit den anderen Schauspielern kommt diese Revue der Gestrauchelten und Freiheitssuchenden in Fahrt, öffnen sich in Marsha Ginsbergs Bühne des Schiffsbauchs die schmalen Fenster in eine frohlockend-verheißungsvolle Welt. Irrlichter der Hoffnung. (he)

Die nächsten Vorstellungen sind am heutigen Sonntag, den 24. Januar um 15 Uhr, am 20. Februar um 19.30 Uhr und am 21. Februar um 17 Uhr.

Dagmar Borrmann schrieb die Theaterfassung nach Lutz Seilers Roman.

Weiteres unter www.hansottotheater.de

1 Kommentar

  1. Ich gebe es zu: Ich habe Kruso gelesen (eigentlich lese ich wenig Bücher und wenn, dann sind es meist Reisebücher). Insofern war ich wohl einer der Versteher in der Schiffbauergasse. Als Schüler war ich einige Male auf Hiddensee, später als Student. Habe damals nicht geahnt, dass man von Hiddensees Norden mit einfachen Mitteln in Richtung Dänemark oder Schweden aufbricht. In den 90ern waren unsere Familien, J.s und L.s, im Klausner zum lecker FischundSteakundSalat-essen. Wir interessierten uns aber nicht für den Namen des Restaurants. Noch weniger ahnten wir, dass hier der Ausgangspunkt für die Flucht über die Ostsee war. Kruso ist ein Teil der Aufarbeitung der deutschen Teilung. Buch und Theaterstück haben mich jedenfalls fasziniert. Noch ein Tipp für jene, die noch hingehen: Die mit Lasertechnik an die Bühnenwand projezierte Hiddensee-Karte mit den angedeuteten Fluchtrichtungen ist um 90 Grad nach rechts gedreht und damit etwas schwierig zu interpretieren. Karten soll man eigentlich nicht drehen….. Aber Hiddensee ist nun mal so groß….. Georg

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