Kamingeflüster bei den Liebermanns

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Max Liebermanns Gemälde „Birken am Wannseeufer nach Ostern“, 1924  Foto: Julia Jungfer

Wir sind durchgefroren von unserer Winterwanderung am Ufer des Wannsees. Schnee klebt unter den Stiefeln. Beim Eintreten in die Villa Liebermann putzen wir ihn feinsäuberlich an der Schwelle ab. Anheimelnde Wärme schlägt uns entgegen. Der Kamin brennt, in der bauchigen Vase leuchten pinkfarbige Lilien im dunklen Tannengrün. Wir holen uns in der Küche einen Kaffee und eine Quiche und lassen es uns am Feuer gut gehen. Die Blicke schweifen über die Wände mit Fotos der ehemaligen Bewohner. Lautlos kommen wir mit ihnen ins Gespräch: mit Max und Martha Liebermann, mit ihrer Tochter Käthe und dem Enkelkind Maria.

Sie verbrachte den Sommer oft bei den Großeltern am Wannsee. Auf einem der Fotos kuschelt sie sich auf dem Schoß des Opas behaglich ein. Maria war eines der liebsten Motive des malenden Großvaters. Auf rund 30 Bildern porträtierte er das Mädchen.

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Max Liebermann mit seiner Enkelin

Neben dem Kinderlachen, das man zu hören vermeint, ist da auch eine bleierne Schwere. Der große Max Liebermann, einst angesehener Künstler und Präsident der Preußischen Akademie der Künste, wurde nach 1933 von den Nationalsozialsten verfemt. Er trat als Ehrenpräsident der Akademie zurück, weil die Sektion für Bildende Kunst beschlossen hatte, keine Bilder jüdischer Künstler mehr auszustellen. Zwei Jahre später starb er: einsam und verbittert. Martha, seine Witwe, musste 1940 die Villa zwangsverkaufen. 1943 nahm sie sich das Leben, um der Deportation nach Theresienstadt zu entgehen.

Das alles schwingt mit, wenn man in die Idylle schaut: auf die sich wiegenden Birken, die anspülenden Wellen, die mit Schneehauben überzogenen akkurat beschnittenen Hecken.

Wenigstens zwei Mal im Jahr statte ich den Liebermanns einen Besuch ab, erwärme immer neue Freunde für diesen stillen Ort der Kunst und des zurückgezogenen Lebens. Hier, in seinem „Schloss am See“, suchte Max Liebermann ab 1914 seine Ruhe. „Bei mir geht alles nach der Minute“, sagte der Maler von sich selbst. Er genoss die Sommermonate in dem selbstgestalteten Blumen- und Nutzgarten zwischen Rosenstöcken und Kohlköpfen, Hortensienkübeln und Kartoffeln. Ein Refugium zum Träumen und Malen: bis der braune Ungeist anklopfte.

Heute ist die Villa ein Museum: Haus und Garten gehören der Öffentlichkeit. Trotz des Schnees sind an diesem Mittwochmittag einige Gäste eingekehrt, um in die Bilderwelt Max Liebermanns einzutauchen, nach draußen durch die großen Terrassentüren auf den See zu schauen und die reale und gemalte Welt zu vergleichen. Seine impressionistischen Stimmungen treten mit Werken anderer Künstler in den Dialog. Die derzeitige Sonderausstellung im ehemaligen Schlafzimmer der Liebermanns und im Salon von Tochter Käthe zeigt Werke von vier Frauen der Berliner Secession: Stillleben, Porträts, Landschaften, üppige Blumenbuketts – weibliche Klangfarben in Harmonie mit den Tönen des großen Meisters. (he)

Im Winter (Oktober bis März) ist täglich außer dienstags geöffnet: von 11–17 Uhr. Im Rahmen der Sonderausstellung „Frauen der Secession II“  gibt es am 17. Februar um  19 Uhr den Bildvortrag „Die Künstlerinnen von Hiddensee“. Ticket: 8 € / 6 € erm.

Liebermann-Villa am Wannsee, Colomierstr. 3

Weiteres unterr www.liebermannvilla.de

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