Blass und seelenlos: „Der Besuch der alten Dame“ am Hans Otto Theater

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Alissa Kohlbusch baute die Bühne als Katakomben. Für die Schauspieler wurden die Schrägen in die Unterwelt zur Rutschpartie. Foto: HOT

Sie verlassen nicht das sinkende Schiff. Nein, diese Ratten kommen aus allen Löchern und feiern fröhlich Urständ …

Wir sitzen im Theater und schauen zur Premiere von Dürrenmatts tragischer Komödie „Der Besuch der alten Dame“ in die Katakomben von Güllen. Rauch steigt aus der Unterwelt des verarmten seelenlosen Dorfes auf. Es riecht förmlich nach Verwesung. Die raumgreifende Bühne von Alissa Kolbusch mit den in den Abgrund führenden Schrägen gehört zu den eindringlichsten Bildern dieser Inszenierung am Hans Otto Theater. Ansonsten wabert der Abend in der Regie von Niklas Ritter vorhersehbar dahin: mit überflüssigen szenischen Zutaten – wie dem Oratoriengesang oder die Fahrt mit dem Pappauto – die die Handlung spannungsarm zerfasern lässt.

Psychogramm und Gesellschaftskrimi? All das könnte das 1956 geschriebene Stück sein. Aber es geht mir bei dieser Premiere am Freitagabend nicht viel anders als vor zehn Jahren in der Blechbüchse, als das Stück mit Christine Schorn in der Hauptrolle aufgeführt wurde. Große Schauspieler – wenig Wirkung. Auch jetzt bleibt das Geschehen blutarm und in seiner Gesellschaftskritik blass und seelenlos. Trotz Rita Feldmeier, die nunmehr die reiche Claire spielt, die alte Dame, die eine Milliarde auf den Kopf ihres ehemaligen Geliebten setzt, wenn ihre Heimatstadt Güllen ihn tötet. Eine von Rache getriebene Frau. Doch Rita Feldmeier wird kurz gehalten. Sie agiert von oben herab als Dompteuse des von ihr aufgewiegelten Volkes, das die Moral vergisst, wenn‘s ums Fressen geht. Das ist nicht neu – und bleibt in dieser ausufernden Inszenierung in agitatorischer Ferne.

Niklas Ritter interessiert das Chorische, das Groteske. Und er bleibt auf Distanz zum Zuschauer. Es gibt nur wenige berührende Momente. Das passiert dann, wenn man den Menschen näher kommen darf. Wie dieser Claire: dieser Heimkehrerin. 40 Jahre trug sie die Schmach im Herzen, die ihr der einstige Geliebte Alfred zugefügt hat. Wenn Rita Feldmeier darüber spricht, sieht man die junge Claire vor sich: von Alfred geschwängert und verleugnet, mit Schimpf und Schande das Dorf verlassend, um im Bordell zu landen. Sie trug das Kind allein aus. Und es wurde ihr sofort weggenommen. Ein Jahr später starb sie, ihre Tochter. In fremden Armen.

Rita Feldmeier weiß mit großer Zurückhaltung und innerem Vibrieren diesen Gemütszustand nahe zu bringen. Das hat Kraft, das hat Wärme. Aber ist im Nu wieder vorbei.

Nach der Pause übernimmt der charismatische Schauspieler und Musiker Jan Kersjes das Ruder. Als Journalist bittet er die Bewohner von Güllen auf die Bühne seiner Show. Hier wird sie nun vorgeführt: die Verlockung des Geldes, die menschliche Gier, die Mittäterschaft, die sich in der Gruppe so gut verstecken lässt. Aber auch das ist alsbald zahnlos und versickert im dunklen Brackwasser.

Der Regisseur hat viel gewollt und stand sich mit seinen Spielideen doch selbst im Weg. Straffer, schärfer, mehr auf die innere statt auf die äußerliche Wandelbarkeit der Figuren bedacht: Das hätte diesem rachelüsternen Besuch der Alten Dame sicher gut getan. So blieben es Ritter-Spiele ohne Biss. (he)

Wieder zu sehen am 13. Februar, um 19.30 Uhr, und am 14. Februar,  um 15 Uhr, im Neuen Theater, Schiffbauergasse Potsdam.

Weiteres unter www.hansottotheater.de

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