Vom Fliegen und Straucheln – Vertraute Stimmen aus „Made in Potsdam“

papierfalter
Eine Poesie der Leichtigkeit und des fragilen Seins: Alice Bahras „Balance“ im Kunstraum.

Es ist nichts Neues: Die Zeit rast und schon wieder hat man verpasst, was auf der eigenen Wunschliste eigentlich ganz oben stand. Diese Ausstellung habe ich glücklicherweise auf seinen letzten Metern noch erwischt. Sonntag schließt sie nach vierwöchiger Dauer: „Made in Potsdam“. Diese Hommage von Potsdamern an Potsdam ist im Kunstraum des Waschhauses zu sehen und vereint sieben kraftvoll-künstlerische Stimmen.

Allerdings muss man den Ausstellungsraum erst einmal finden. Eine Potsdamer Freundin, mit der ich mich verabredet hatte, irrte im falschen Karree der Schiffbauergasse herum. Und wie ihr geht es vielen – wie ich von der Galerieassistentin erfuhr. Also, liebe Stadt, es müssen größere Wegweiser her!!!

Der Besuch lohnt jedenfalls. Schon der erste Blick nimmt gefangen. Er fällt auf die Wand mit den leuchtenden Kränen von Barbara Raetsch. Diese Malerin ist vor allem mit ihren Häuserporträts bekannt geworden: Stillleben einer vergänglichen Zeit, liebevoll gemalte Oden auf Zerfall und Vergänglichkeit. Jetzt also lässt sie die Kräne drehen: Symbole für Aufbruch, für Neues. Doch bei ihr erinnern die Kräne an Kruzifixe oder auch an Galgen, die über diese Stadt wie Mahnmale schweben. An den hohen weißen Galeriewänden wirken diese 2014/2015 entstandenen Kräne wie magische Lichtpunkte mit Widerhaken. Im Herbst wird diese ausdrucksstarke Künstlerin 80. Gibt es eigentlich eine Jubiläumsschau?

Als ein heiteres Gespann wird uns Peter Rohn und Christian Roehl vorgestellt: die Väter des „Flugschiffes“, das einst am abgerissenen Haus des Reisens am Platz der Einheit flog und jetzt am Parkhaus in der Schiffbauergasse gelandet ist. Glücklicherweise. Denn zwischendrin schmorte es in irgendeinem Depot. Rohns Entwürfe erzählen von der Entstehungsgeschichte dieser vor fast 50 Jahren entstandenen Skulptur. Doch bevor die aus Stahl- und Kupferblechen ausgeführte Arbeit an dem Giebel des Reise-Hochhauses angebracht werden durfte, ging dem Ganzen eine mehrjährige Genehmigungsgeschichte voraus. „Der schalkhaft-ironische Zugriff Rohns auf das Thema Reisen wurde schwer genommen“, ist in der Ausstellungszeitung (tolle Idee!) zu lesen. Ja, Reisen war in der abgeriegelten DDR ein diffiziles Thema. Und wenn es dann noch so leichtfüßig daher kam wie bei Rohn, war Wachsamkeit angesagt. Zum Glück ist das Geschichte. Nun ist das Flugschiff Teil des Potsdamer Skulpturenwegs „Walk of Modern Art“, der sich von der Schiffbauergasse bis zum Alten Markt zieht und sich allmählich füllt.

Eine weitere Plastik „Made in Potsdam“ ist zu sehen: der Spielbrunnen von Christian Roehl, von dem so vielseitigen, 2013 verstorbenen Bildhauer. Kurator Mike Gessner holte diese wegen Bauarbeiten in Drewitz demontierte Arbeit als Leihgabe in die Ausstellung. Auch sie sollte unbedingt wieder ihren Platz im öffentlichen Raum finden. Er muss sprudeln können – dieser Spielbrunnen. So wie von seinem Erbauer erdacht.

Und noch eine Überraschung gibt es in dieser Schau: die kleinen Aquatinta-Radierungen von Alfred Schmidt. Sie haben mich bereits vor ein paar Jahren bei einem Atelierbesuch staunen lassen, weil sie eine ganz andere Seite des Malers zeigen. Wie Barbara Raetsch hielt auch Alfred Schmidt in den 80er Jahren das zerfallene Potsdam fest: Blicke in Höfe und über Dächer und auf menschenleere Straßen – in einer zarten Melancholie der Dunkelheit nur schemenhaft entrissen. Schön, dass sie endlich in einen Ausstellungsraum gefunden haben.

Das Künstlerpaar Christa und Peter Panzner präsentiert sich an gegenüberliegenden Wänden in größten Kontrasten: die grellrosa Farbigkeit von Christa Panzners Seerosen-Variationen sind wie ein lauter Schrei und finden in den tiefen dunklen Räumen Peter Panzners ihr Gegengewicht. Seine verwaisten Brachen wollen durch scharfes Beobachten erkundet und durchschritten werden.

Wie federleicht ist indes die Sprache von Alice Bahra, die für mich die Ausstellung krönt. Ihre Papierfalter über der Wendeltreppe, die schweben und sich zärtlich anstupsen sind wie ein schwebender Baldachin und lassen eintauchen in eine Poesie der Leichtigkeit und des fragilen Seins. Diese „Balance“ zu finden, war für Alice Bahra nach dem Tod ihres Mannes Christian Roehl sicher ein schwerer Weg. Sie fand ihn in der Zwiesprache künstlerischer Präzision und Irritation. In ihrem so prall gefüllten Reich der Fantasie, das man gern mit ihr durchschreitet. (he)

Die Finissage ist am Sonntag, den 14. Februar, ab 14 Uhr, im Kunstraum, Schiffbauergasse. Es gibt ein Gespräch mit den Künstlern und mit dem Kurator Mike Gessner, moderiert von Thomas Kumlehn.

Weiteres unter www.kunstraumpotsdam.de

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