Alles hat seine Zeit: Barbara Wiesener liest aus ihren „Notizen aus dem Gartenhaus“

Die Sonnenstrahlen tragen schwarze Ränder. Foto: Sybille Kinne

Sie nannte ihr Buch bescheiden: „Notizen aus dem Gartenhaus“ und haderte lange mit der Veröffentlichung. Zu privat erschienen ihr die niedergeschriebenen Gedanken. Doch gerade diese ungefilterte Nähe macht die Stärke dieses kleinen, bewegenden Büchleins aus, das nun in der zweiten Auflage erschienen ist. Die Autorin Barbara Wiesener stellt es am Dienstag, den 14. März, im „Viktoriagarten“ vor.

Barbara Wiesener, 1948 als Pfarrerstochter im Brandenburgischen geboren, vertraut sich seit dem 13. Geburtstag ihrem Tagebuch an. Schon ein Jahr später taucht der Name Knut auf, ihre große Liebe, der Vater ihrer sechs gemeinsamen Kinder. Das Buch endet 1992, als der geliebte Mann auf der Rückfahrt einer Dienstreise verunglückt und zwei Wochen später im Bergmann-Klinikum Potsdam stirbt. „Ich bin gerade Witwe geworden. Die Sonnenstrahlen, die der Erde die ersten Düfte des Jahres entlocken, tragen schwarze Ränder. Trauerränder. Wie die Briefe auf meinem Schreibtisch“, notiert Barbara Wiesener auf der ersten Seite. Das einzige Mal schreibt sie in der Ich-Form. Alle anderen verbindenden Kommentare zwischen den Briefen und Tagebuchaufzeichnungen rückt sie in das unpersönlichere „Sie“ und tritt damit einen Schritt vor sich selbst zurück. Dennoch atmen diese „Notizen“ in vollen Zügen das eigene Leben, künden von der spürbaren Erfüllung inmitten der großen Familie, aber auch von ungestillten Sehnsüchten, wie der nach Poesie, in der sie selbst einen Platz finden möchte. „Der Tag ist so erdenschwer, dass keine Gedichte entstehen. Zur Lyrik benötigt man leichte Füße. Alles hat seine Zeit.“

Oft ist sie unzufrieden mit sich, fühlt sich müde, erstickt in den täglichen tausend Pflichten, obwohl so viel Schöpferisches in ihr liegt und sie gestalten und formen möchte. „Aber es bleibt so wenig von mir selbst übrig.“ Täglich muss sie so viele Rollen spielen, und will dennoch ehrlich und authentisch sein.

„Ich kann Elektronenbahnen im Heliumatom beschreiben, doch als Mutter fühle ich mich unsicher“, schreibt die Chemikerin, als das erste Kind auf die Welt kommt. Doch gerade mit den Kindern schafft sie sich an der Seite ihres verlässlichen und verständnisvollen Mannes eine Welt fern von Konsumzwang, bleibt die Entdeckerin im Kleinen, in der Natur, in der Kunst. Sie tauscht sich in den Briefen mit der Mutter aus, begeistert sich an Gedichten von Eva Strittmatter oder Cocteau, berichtet freudig von ihrer einzigen „Ausschweifung“, dem Singen im Oratorienchor der Erlöserkirche. Als sie noch arbeiten geht, fühlt sie sich oft zerrissen zwischen Beruf und Kindern und genießt es schließlich als Mutter und Hausfrau, frei von Leistungsdruck und Hektik und der ewigen Wertung durch die Kollegen zu sein.

Die Sorgen um den kleinen Sohn Simon, der mit sechs Monaten schon zwei Operationen hinter sich hat, verändern sie sehr, bringen ihr ein neues Empfinden für Glück. Gerade die durchlittenen Ängste zeigen ihr, wie wichtig es ist, nicht zu verlernen, einander Freude zu bereiten. Doch ihre Gedanken kreisen weiter, machen nicht am Gartenzaun Halt. Sie reflektiert Wehrdienstverweigerung und Prager Frühling, die geistige Enge in der Schule, die Erstarrung des ganzen Landes. Und so zeichnet die tief im Glauben verwurzelte Christin ganz unaufdringlich ein fühlbares Bild der untergegangenen DDR – aus ihrer ganz eigenen Perspektive, die doch auch über andere erzählt.

Gemeinsam mit ihrem Mann hat sie den Mut, bei den Wahlen in die Kabine zu gehen. Und sie fühlen sich als Helden, wenn sie die Namen auf den Stimmzetteln durchstreichen, „ein kleiner Sieg gegen die Angst und Mutlosigkeit.“

Und sie gehen zu den Veranstaltungen des Neuen Forums, demonstrieren auf der Straße, wagen trotz und auch wegen der Kinder, der Diktatur die Stirn zu bieten. „Was bin ich froh, dass ich in diesem komischen kleinen Land Chemikerin bin. Und nicht Dichter“, schreibt Barbara Wiesener an einer Stelle und legt doch den Stift nie ganz aus der Hand. Denn sie spürt: „Schreibend erlebt man seine Umwelt viel intensiver. Aber man wird auch empfindlicher.“

Irgendwann holt sie die Tagebücher und Briefe wieder heraus, „wie Häute eines abgelebten Lebens.“ Fast 20 Jahre mussten vergehen, bis sie erneut hineinschlüpft, sie noch einmal spürt. Und sie schließlich in die Welt hinausschickt.

Der letzte Tagebucheintrag ist datiert vom 10. April 1992: Barbara Wiesener, inzwischen Pharmareferentin, wartet auf ihre Kollegen, das erste Treffen nach dem Tod ihres Mannes. „Werden die Kollegen mit mir ein ganz normales Gespräch über ganz normale Dinge führen können? Aber wer schafft das schon, unbefangen mit mir zu reden?“, formuliert sie ihre Angst. In ihrem Tagebuch sucht Barbara Wiesener immer wieder die sichere Zuflucht, um Zwiesprache zu halten. Und sie wagt den Neubeginn, studiert Germanistik und Kunstgeschichte und macht das Schreiben nun doch zu ihrem Beruf. In einem Land, das größer und offener geworden ist. he

Am Dienstag, den 14. März, um 20 Uhr liest Barbara Wiesener im Potsdamer Viktoriagarten, Geschwister- Scholl-Straße 10, aus ihren „Notizen aus dem Gartenhaus“. Der Eintritt ist frei. Das Buch ist im Arke Verlag Potsdam erschienen und kostet 12 €.

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