Dr. Oetkers Verführung: Mit einem Backbuch auf Erinnerungsreise in die Kindheit

Backbuch
Klebrige Spuren der Erinnerung

Das Mehl klebt noch an der Seite des Rosinenkuchens. Sie ist herausgelöst und von großen braunen Flecken überzogen: Verschüttetes Backöl, das sich über die Schrift ausbreitet und tief eingezogen ist. Wie eine Landkarte der Erinnerung. Die Backanleitung ist kaum noch zu entziffern. Wie oft wurde nach dieser Rezeptur wohl das Pfund Mehl abgemessen, die vier Eier aufgeschlagen, die drei gestrichenen Esslöffel Kakao untergezogen und das Fläschchen Rum-Aroma reingeträufelt? Nein, wir nahmen nicht das Rum-Aroma von Dr. Oetker, wie es geschrieben steht in diesem abgegriffenen Buch, das nur noch kläglich von dem hellblau-weiß-gepunkteten Schutzumschlag zusammengehalten wird. Wir – Kinder des Ostens – mussten uns mit dem Aroma aus dem Konsum begnügen und waren nicht sicher, ob der Kuchen genauso schmeckte, wie es mit Dr. Oetker gewesen wäre. Weiterlesen

Alter macht launisch: Das Neue Globe Theater mit einem actionreichen, aber zu langen König Lear

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König und Narr: Andreas Erfurth und Kilian Löttker. Foto: Gerrit Wittenberg

Diesem langen, zu langen Abend möchte ich ein kurzes Nachwort beifügen. Es ging heiß her, bei diesem „König Lear“ des Neuen Globe Theaters, das am Donnerstag im T-Werk Premiere feierte: bei gefühlten 40 Grad, die sich auch mit dem Programmheft nicht wegwedeln ließen. Die acht Mannen in schau-lustigen Frauen- und Männerkleidern kosteten den von Shakespeare tief gegrabenen Spielbrunnen genüsslich aus. Sie boten ganz im Sinne des großen Dramatikers pralles, derbes, witziges, bluttriefendes, zotiges und in seinen besten Momenten auch berührendes Theater. Weiterlesen

Die Idylle trägt Trauer: „Vor der Morgenröte“ ist ein Kino-Ereignis

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Josef Hader als Stefan Zweig: Heimweh in der Idylle. Foto: X-Filme

Nachdem ich aus dem Kino kam, griff ich sofort zur „Schachnovelle“. Es muss Jahrzehnte zurückliegen, als ich sie gelesen hatte. Jetzt drängte es mich, dieses vergilbte Reclam-Heftchen mit dem letzten, 1942 geschriebenen Werk Stefan Zweigs nochmal zur Hand zu nehmen. Grund war dieser überaus eindringliche, nachwirkende Film über ihn: „Vor der Morgenröte“ von Regisseurin Maria Schrader. Weiterlesen

Zuckerbrot und Peitsche: Ibsens „Peer Gynt“ am Hans Otto Theater

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Rita Feldmeier und Alexander Finkenwirth als Mutter und Sohn in einer spannungsgeladenen Beziehung. Foto: HOT/ HL BÖhme

Es ist eine sehr lange Reise, auf die sich dieser Peer Gynt begibt. Und auch für die Zuschauer, die am Mittwochabend die Reihen im Hans Otto Theater gut füllen, dehnt sich die Zeit. Am Ende sehnt man fast den Tod dieses skrupellosen abgehalfterten Weltenbummlers herbei. In Erinnerung bleiben die vieldeutige Bühnenschräge mit dem schwarzen Loch von Wolfgang Menardi und die großartige Wandelbarkeit von Alexander Finkenwirth. Weiterlesen

Löwin und Gazelle: Lisa Simone elektrisiert ihr Publikum im Nikolaisaal

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Feurig temperamentvoll: die großartige Lisa Simone. Foto: promo

Natürlich kaufen wir im Foyer ihre druckfrische CD, um sie gleich auf dem Nachhauseweg im Auto zu hören. Dieser Abend, dieses Fest soll einfach noch nicht zu Ende sein. Lisa Simone lädt den Nikolaisaal mit einer Energie auf, die sich wie ein Leuchtfeuer über das Publikum ergießt und es mit Glücksgefühlen erhellt. Grandios, fulminant, anrührend, sympathisch – jedes Kompliment ist nicht übertrieben für diese zarte Frau mit der Wahnsinnsstimme, die mal samtweich, dann wieder kantig scharf, in jedem Fall raumgreifend elektrisierend und federleicht die Welt durchmisst: von ihren erdigen Wurzeln bis in die Lichte des Himmels. Weiterlesen

Kanon der Einsamkeit: Die „Drei Schwestern“ am Hans Otto Theater

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Der schöne Schein: Hinter der Fassade bröckelt es im Gebälk der Einsamkeit. Jeder greift in seinem Anspruch auf Glück ins Leere. Foto: HOT/HL Böhme

„Wir wollen nach Moskau!“. Gebetsmühlenartig wiederholen die Schwestern diesen Satz: schreiend, flüsternd, fast daran erstickend. Moskau ist ihr Sehnsuchtsort, ihre Hoffnung. Er könnte auch „Europa“ heißen, so wie wir ihn täglich von Flüchtlingen in den Medien rufen hören. Die Sehnsucht trägt viele Gewänder.

Anton Tschechows Stück „Drei Schwestern“, das am Freitag am Hans Otto Theater zur Premiere kam, rückt dem Besucher hautnah auf Leib und Seele. Weiterlesen

Ein Rebell und Popper erzählt über seine ganz eigene DDR-Welt: über „Düsterbusch – City Lights“

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Der Mähdrescherfriedhof am Haus von Alexander Kühne. Dieser Totenstille trotzte der Spreewälder Querkopf in poppiger Aufruhr. Über seine Erinnerungen an eine rebellische Jugendzeit in der DDR schrieb er den autobiografisch gefärbten Roman: „Düsterbusch. City Lights“.    Foto: privat

Dieser Roman, diese Geschichte, ist wie ein lebenspraller Nachruf auf David Bowie und die DDR, wie sie nur ein echter Rebell und Popper zustande bringt. Respektlos, aneckend, ohne Schnörkel. Selbstironie statt gallige Schwermut. Sie fließt aus dem Herzen des leidenschaftlichen Trotzkopfes Alexander Kühne, der zwischen Dorfkonsum und Mähdrescherfriedhof groß geworden ist, lieber Kohlen schippte als zu funktionieren: Lehrerkind und Versager zugleich, permanent im Aufstand gegen die Norm des grauen Durchschnitts. Dieser Möchte-Gern-Bowie mit flotter Tolle lebte seinen Traum, eines Tages sein hinterwäldlerisches Spreewald-Dorf zu etwas ganz Besonderem zu machen: zum Szenetreff der Popmusik, der es spielend mit Clubs in Berlin aufnimmt: zu Düsterbusch mit City Lights. Weiterlesen

Werders Abgründe: Die „Dunkle Havel“ als spannungsreicher Heimatkrimi

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Kommissar Sanftleben stochert im dichten Nebel, der sich über die Havel legt. Foto: jä

Eine Freundin erzählte mir, dass sie gerade einen Krimi lese, der in unserer Gegend spiele und total spannend sei. Eine Woche später beam ich das Buch geschenkt. Eine gewisse Skepsis beim Thema Heimatkrimi kann ich nicht verleugnen. Doch die wich mit jeder der rund 250 Seiten. Die „Dunkle Havel“ von Tim Pieper riss mich mit in ihre Untiefen. Auch wenn die literarische Fangleine etwas kurz geraten ist – die anfängliche Armut an Verben störte mich schon  – nahm  mich die Handlung sofort gefangen. Gespannt trat ich ein in das Gartenreich der Obstmucker-Gilde. Hinter dieser bürgerlichen Fassade öffnete sich nunmehr ein wahrer Schlund an krimineller Energie: Drogen, Prostitution, Menschenhandel. Und der Anglerverein mittendrin im Sumpf der skrupellosen Hakenleger. Weiterlesen

Blass und seelenlos: „Der Besuch der alten Dame“ am Hans Otto Theater

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Alissa Kohlbusch baute die Bühne als Katakomben. Für die Schauspieler wurden die Schrägen in die Unterwelt zur Rutschpartie. Foto: HOT

Sie verlassen nicht das sinkende Schiff. Nein, diese Ratten kommen aus allen Löchern und feiern fröhlich Urständ …

Wir sitzen im Theater und schauen zur Premiere von Dürrenmatts tragischer Komödie „Der Besuch der alten Dame“ in die Katakomben von Güllen. Rauch steigt aus der Unterwelt des verarmten seelenlosen Dorfes auf. Es riecht förmlich nach Verwesung. Die raumgreifende Bühne von Alissa Kolbusch mit den in den Abgrund führenden Schrägen gehört zu den eindringlichsten Bildern dieser Inszenierung am Hans Otto Theater. Ansonsten wabert der Abend in der Regie von Niklas Ritter vorhersehbar dahin: mit überflüssigen szenischen Zutaten – wie dem Oratoriengesang oder die Fahrt mit dem Pappauto – die die Handlung spannungsarm zerfasern lässt. Weiterlesen

Spritzig-pointiert durch die Welt der Weine – Lesungen im „Vanille und Koriander“

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Zwei, die sich in der Kunst des Genusses gefunden haben: Tobias Böttcher (l.) und Stephan Dierichs. Beide veranstalten einmal im Monat Weinlesungen im „Vanille und Koriander“: Der eine kocht, der andere fabuliert.        Foto: Emma Werler

Es ist fast wie in der Toskana: In der Mitte steht ein langer Holztisch, an dem sich die Gäste dicht gedrängt und erwartungsfroh versammeln. Auch die kleinen Gartentische drum herum, das Sofa und die mit Kissen ausgelegten Fensterbretter sind besetzt. Vor den Besuchern funkelt der Rotwein in bauchigen Gläsern, in Regalen frohlocken liebevoll hergestellte Köstlichkeiten vom Kürbiskernspinatöl bis zur Apfel-Marzipan-Marmelade. Die meisten Zuschauer wissen, was sie an diesem kerzenbeschienenen Abend in dem Feinkostladen „Vanille und Koriander“ erwartet. Sie sind Eingeweihte des spritzig-vergnüglichen Duetts, das der schauspielernde Sommelier Stephan Dierichs und der ausgewiesene Küchenexperte Tobias Böttcher einmal im Monat anstimmen. Zum Auftakt ihres dritten Jahres in gemeinsamer Wein- und Whisky-Seligkeit geht es an diesem Freitag also in die Toskana: Der eine begibt sich mit zerzaustem Haar, Turnschuhen und ausgefranster Jeans auf die Reise, der andere im zurückhaltend-eleganten Schwarz. Beide offensichtlich mit sich im Einklang. Denn sie haben gefunden, wonach jeder sucht: Erfüllung. Weiterlesen