Chronisten, Komödianten, Verwirrer: Das Poetenpack umspielt die Musik bei „Bach trifft Pulcinella“ in der Erlöserkirche

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Was passiert, wenn Pulcinella gleich vierköpfig sein Unwesen treibt und sich ganz ungeniert einmischt?

Es wird kein braves Konzert. Selbst Dirigent Ud Joffe muss wohl um seinen Taktstock bangen. Denn an diesem besonderen Abend mischt sich Pulcinella unters Volk. Wenn dieser Bürgerschreck in Erscheinung tritt, ist für Unruhe gesorgt. Und er wird sich sogar vierköpfig in das Geschehen einmischen: beim Konzert „Bach trifft Pulcinella“ am Donnerstag, den 2. Juni, in der Erlöserkirche.

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Spielleiter und Schauspieler. Justus Carrière.

Das Neue Kammerorchester Potsdam wird an diesem Tag 15, und Christian Seidel, Vorsitzender des Trägervereins der Musik an der Erlöserkirche, bekommt die Ehre, sich in das Goldene Buch der Stadt Potsdam einzutragen. Also großer Bahnhof mit Laudatio des Oberbürgermeisters. Doch es wird keineswegs stocksteif zugehen. Zur besonderen Würze dieses Festprogramms wurde das Poetenpack eingeladen. Es darf – wenn Bachs Orchestersuite verklungen ist –  die Pulcinella-Musik von Strawinsky umspielen. Ein gefundenes Fressen für Komödianten. Denn Pulcinella, dieser Archetyp des renitenten Menschen, bietet jede Menge Spielfutter. „Pulcinella ist so etwas wie der heutige Böhmermann“, sagt Justus Carrière, der die Spielleitung hat und selbst bei diesem szenischen Konzert in eine der vier Pulcinella-Figuren schlüpft. Er schaute zuvor tiefer in die Geschichte dieses Strawinsky Balletts, das 1920 in Paris im Bühnenbild von Picasso seine Uraufführung erlebte. Die Reaktion der Zeitgenossen sei damals zwiespältig gewesen. Der skandalumwitterte nonkonforme Strawinsky warf mit Pulcinella seinen Blick auf einmal liebevoll in die Vergangenheit: mit Bearbeitungen spätbarocker Musik und mit einer Figur des Volkstheaters. Die Avantgardisten beklagten Fahnenflucht, die Hüter des Musikerbes sprachen von Vergewaltigung.

Zugrunde lag diesem Ballett der neapolitanische Schwank „Der vierfache Pulcinella“ von 1820, in dem es um Liebe, Eifersucht, Mord und auch um Auferstehung geht. Denn Pulcinella ist nicht tot zu kriegen, so wie der Frühling. Wieso aber wandte sich Strawinsky 1920 – zwischen den Weltkriegen – einem zeitlosen Genre zu? „Das hängt wohl mit seiner Zeit in Neapel zusammen, die er gemeinsam mit Picasso verbrachte und in der sie sich eingehend mit der Commedia dell’arte beschäftigten. Zwei Freunde, die sich in ihrer Kunst nicht festlegten und die verbunden waren in ihrer großen spielerischen Leidenschaft“, so Carrière.
Picasso habe damals seinen Pierrot gemalt, diese volkstümliche Dienerfigur, die überall in der Welt auftaucht und sich mit Kommentaren zu Politik und Gesellschaft ganz ungeniert und ungefragt einmischt. „Eine Art lebendiger Zeitung“, wie Goethe schrieb. Sie trägt viele Namen: Petruschka, Pierrot, Harlekin, Kasper oder eben Pulcinella. „Und Strawinsky schuf eine Musik auf diese unsterbliche Figur, die anfangs unglaublich klassisch anmutet, dann immer verrückter und jazziger wird und schließlich in einem furiosen Finale mündet.“

In der Erlöserkirche treten die vier Pulcinellen nun als Dirigent und Dadaist, Picasso und Strawinsky und immer wieder auch als Zeitzeugen auf. „Es geht zwar um das Jahr 1920, aber es ähnelt doch sehr unserer heutigen Zeit“, sagt Justus Carrière. (he)

Donnerstag, 2. Juni 2016, 19.30 Uhr: Erlöserkirche, Nansenstraße

Bach trifft Pulcinella:

Johann Sebastian Bach    Orchestersuite Nr. 1 in C-Dur

Igor Strawinsky                  Pulcinella

Eintrittskarten  für 15 /erm. 10  Euro im  Büro der Erlöserkirchgemeinde (Nansenstr. 6),  Buchhandlung  Viktoriagarten (Geschwister-Scholl-Str. 10), Stiftungsbuchhandlung (Gutenbergstr. 71) , PNN-Shop (Wilhelmgalerie, 2. Stock), script-Buchhandlung (R.- Breitscheid-Str. 51), Grafikbüro Rüss (Lindenstr. 61) und an der Abendkasse.

Der Kultursegler verlost 1×2 Freikarten. Für die Teilnahme bitte bis 31.5. eine E-Mail an uns schicken. Mehr Infos.

 

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