Das große Reale, das große Abstrakte: Geliehene Kostbarkeiten „Von Hopper bis Rothko“ im Barberini

In die leuchtende Abstraktion getrieben: „Die rote Sonne“ von Arthur Dove

Die Wände sind neu gestrichen und geben als taubenblauer Hintergrund den Gästen aus Amerika ihren kraftvollen Auftritt: Sie werden als „Kronjuwelen“ gehandelt, sind aber zumeist für uns noch ungeschliffene Diamanten. Kein Grund, den unbekannten „Fremden“ nicht die Aufwartung zu machen, zumal sich überraschende Verwandtschaften mit berühmten Europäern wie Matisse oder Cezanne ablesen lassen.

Die am morgigen Samstag im Museum Barberini beginnende Ausstellung „Von Hopper bis Rothko“ nimmt uns mit in die Weiten der Rocky Mountains, an den Pazifik oder in die enge Großstadt von New York oder Washington. Dorthin zog es die Künstler in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit ihren Staffeleien, um die Farben und Formen hautnah einzufangen. Anfangs ganz dicht dran an der Natur, später in freien Flächen abstrahierend. Berge, Schluchten, Himmel lösten sich auf in großen Farbfeldern.

Warum aber ist die amerikanische Kunst aus der Zeit vor Andy Warhol bei uns bis heute so wenig bekannt? „Sie ist in den europäischen Sammlungen nicht gesammelt worden“, sagte Ortrud Westheider, die Leiterin des Museums Barberini vor der Presse.

Diese viermonatige Schau räumt nun auf mit den „Fehlstellen“ in unseren Köpfen und präsentiert rund 70 hochkarätige Leihgaben der Phillips Collection aus Washington, dem 1921 gegründeten ersten Museum zeitgenössischer Kunst in den Vereinigten Staaten. „Aus diesem Privatmuseum können wir auch in seiner aktiven Vermittlungsarbeit viele Anregungen schöpfen“, sagt Ortrud Westheider und verweist auf einen monatlichen Museumsabend speziell für junge Leute, den sie übernimmt. Sie setzt wie die Kollegen aus Amerika auch auf eine gut verständliche Analyse der Kunst fürs Publikum, die ihren Niederschlag in der ausführlichen Beschriftung der Werke und in der Barberini-App findet.

Edward Hoppers Anfahrt in eine Stadt 1945

Als Ortrud Westheider bei der Phillips Collection um die Leihgaben bat, konnte sie auf ihr Wirken am Bucerius Kunstforum Hamburg verweisen, wo sie sich bereits mit einer Ausstellungstrilogie der amerikanischen Kunst zugewandt hatte. Und nun sehen wir Bilder dieser Collection hier in Potsdam: allen voran zwei des lakonischen Großstadt-Beobachters Edward Hopper. Er steht nicht allein mit seinen verwaisten Großstadtporträts. Auch andere Maler, wie Stefan Hirsch, haben sich in Neuer Sachlichkeit der Stadt im Maschinenzeitalter als Ort der Isolation zugewandt.

Hopper begann als junger Mann mit der Lichtmalerei der Impressionisten, löste sich aber davon. Bei ihm entstanden durch Licht geteilte Flächen mit abstrakter Wirkung. Viel konsequenter beschritt Mark Rothko, dessen Werke zu den teuersten weltweit zählen, den Weg zur Abstraktion. Er gilt als Pionier der Farbfeldmalerei, in der sich auch seine depressiven Stimmungen, die zum Freitod führten, spiegeln. Rothkos Vorbild war wiederum der Franzose Matisse. „Alle großen amerikanischen Meister sind internationale Meister gewesen. Es ist gut, sich darauf zu besinnen“, so Ortrud Westheider.

Edwad Hoppers Sonntag 1926

Von Rothko ist indes nur ein Bild dabei: eine kleine Farbfeldmalerei von 30 mal 60 Zentimetern in Gelb-Orange aus dem Jahr 1968, deren Leuchtkraft sich hinter Glas versteckt. Auch viele andere Werke sind durch Glas geschützt und bekommen dadurch in ihrer Ausstrahlung einen leichter Dämpfer. Aber  anders als zuvor die berühmten Impressionisten und Klassiker der Moderne aus Europa mit ihren Farbexplosionen sind die Werke der Amerikaner ohnehin etwas gedeckter und verhaltener in ihrem Farbduktus.

Dennoch ist diese Schau hochspannend und glänzt durch unbekannte Schöne, wie Richard Diebenkorns „Ocean Park“ und „Interieur mit Meerblick“, Arthur Doves „Rote Sonne“, John Sloans selbstvergessenen „Clown beim Schminken“, Georgia O’Keeffes Nahsichten auf Blüten und Blätter, Augustus V. Tacks Riesen-„Sehnsucht“ oder die „Waldparzelle“ des Pop-Art-Vorgängers Marsden Hartley. Nicht alle Künstler-Namen werden hängen bleiben, aber ganz sicher einige ihrer Bilder.

Rothkos Farbfeld 1968 ohne Titel

Die Ausstellung zeigt Landschaft, Porträts und Stadt und führt chronologisch in acht Themenräumen durch Impressionismus, Neue Sachlichkeit und Farbfeldmalerei. Sie zeigt uns dank des Privatsammlers Duncan Phillips, wie die amerikanische Kunst abstrakt wurde. Dieser Mäzen betrachtete Kunst als universale Sprache, die sich jeder chronologischen und nationalen Einordnung widersetzt. Ein spannender, sehr sehenswerter Brückenschlag über den Atlantik, der allen Trump-Hürden trotzt.   he

Von Hopper bis Rothko. Amerikas Weg in die Moderne, 17. Juni bis 3. Oktober 2017, Museum Barberini

weitere Informationen auch hier:
www.museum-barberini.com/von-hopper-bis-rothko/

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