Ein Blick in den Abgrund. „Unterleuten“ feierte am Hans Otto Theater Premiere

"Unterleuten" - Sittengemälde eines Dorfes, Foto: HL Böhme

Stumm reihen sich die Bäume aneinander. Ein riesiges Autobahnschild thront wie ein Fremdkörper am Horizont. Wir befinden uns am Rande vom Nirgendwo. In Brandenburg. In der Provinz. Dass sich ausgerechnet hier der Ort „Unterleuten“ versteckt, klingt irgendwie ironisch. Wer Juli Zeh, die Autorin dieses Romans kennt, ahnt, dass es sich bei „Unterleuten“ nicht um die Aufnahme eines harmonischen Dorflebens handelt. Mich hat Juli Zeh bereits mit „Nullzeit“ völlig umgehauen. Beim Lesen dieses Krimis war ich angeekelt, gefesselt und angetan zugleich. Vor einigen Monaten wollte ich mich nun in das nächste Juli Zeh Abenteuer stürzen: „Unterleuten“. Zugegeben: Ich lese viel zu wenig und viel zu selten. Abends bin ich zu müde oder zu unkonzentriert. Tagsüber habe ich nicht die Zeit. Also dauert die Lektüre eines dicken Buches wie dieses auch mal ein paar Monate. Dass sie nun auch die Premiere des Hans Otto Theaters kreuzte, gefiel mir eigentlich gar nicht, denn noch hatte ich einige Seiten vor mir. Das große Finale stand noch aus. Trotzdem ließ ich mir die vielversprechende Premiere am vergangenen Freitag nicht entgehen.

Die Kulisse stimmt schon mal. Die zwischen den Bäumen aufsteigenden Nebenschwaden versetzen mich gleich in das unbehagliche Gefühl des „Unterleutner“ Lebens, das sich auch schon beim Lesen der ersten Seiten einstellt. Eigentlich ist es ein Dorf wie jedes andere. Es gibt die Alteingesessenen und die Zugezogenen. Allein diese zwei Gruppen gäben ausrechend Konfliktpotenzial her. Ich bin auf dem Dorf als „Zugezogene“ groß geworden, ich weiß, wovon ich rede. Doch in Unterleuten verteilen sich die Lager anders. Hier wollen sowohl der Kommunist „Kron“ (überzeugend cholerisch gespielt von Christoph Hohmann) als auch der Landwirt und Großgrundbesitzer „Gombrowski“ den Ton angeben. Sie sind die Ur-Unterleutner und schon ihre Väter waren sich nicht grün. Auf der Bühne sind die Sympathiepunkte schnell vergeben. Ganz klar gewinnt hier „Gombrowski“, angenehm zurückhaltend interpretiert von Jon-Kaare Koppe, die Gunst des Publikums. Beim Lesen fiel mir diese Entscheidung nicht ganz so leicht. Vielleicht liegt es an den Zwischentönen, die auf der Bühne verloren gehen. Die Charaktere wirken sehr viel statischer und nicht so ambivalent wie die der Romanfiguren. Beim Lesen musste ich durch den Perspektivwechsel des Erzählers immer wieder meinen Standpunkt überdenken. Bei der Inszenierung geht dieses Abwägen verloren.

Es ist ein Mitarbeiter der Vento Direct, der plötzlich in Unterleuten auftaucht und das ohnehin wacklige Dorfgefüge ins Wanken bringt. Vor dem versammelten Dorf verkündet der Eindringling, dass Brandenburg eine Vorreiterrolle bei der Förderung von erneuerbaren Energien einnehmen soll und das Dorf der ideale Standpunkt für ein Windpark sei. Der Konflikt spitzt sich zu. Die einen sehen die riesigen Windräder vor sich, die ihre Dorf-Idylle zerstören würden, die anderen hören vielmehr die horrenden Summen, die sich damit verdienen lassen. Es prallen Interessen aufeinander, die nicht nur zwischen Kron und Gombrowski für Zündstoff sorgen. Da ist zum Beispiel auch Jule, die mit ihrem Mann „Fließ“ und ihrem Baby von Berlin aufs Dorf zog. Die Idee, dass sie aus ihrem Küchenfenster bald auf große graue Windräder schaut, löst bei ihr ungeahnte Energien frei. Sie startet eine Unterschriftensammelaktion und fühlt sich mit ihrer neuen Mission plötzlich fast befreit aus den Schlingen ihres Übermutter-Daseins. Zora Klostermann spielt eine anstrengende Jule, eine Jule, die eigentlich nie so richtig zufrieden ist. Außerdem schreit sie fast immer. Eine Mutter, die immer sehr auf den Schlaf ihres Babys bedacht ist, würde nie so viel schreien. Die Entwicklung der Figur kommt mir bei der Bühnenadaption ebenfalls zu kurz.

Auch Linda und ihr Freund sind von Berlin nach Unterleuten gezogen. Lindas Traum, hier einen großen Pferdehof aufzubauen, wird jedoch von Jules Mann, einem Vogelschützer, zerstört. Er verweigert ihr die Baugenehmigung für den Stall, weil im besagten Gebiet die so genannten Kampfläufer zuhause sind, eine vom Aussterben bedrohte Vogelart. Doch Linda ist eine Frau, die kein „Nein“ akzeptiert. Sie ist es gewohnt, ihre Pferdeflüsterfähigkeiten auch auf Menschen anzuwenden, sie zu manipulieren, bis sie schließlich ihren eigenen Willen erreicht. Sie nutzt die Eskalation im Dorf, findet Druckmittel, um ihrem Traum doch noch in die Tat umzusetzen. Katrin Hauptmann spielt eine sehr exzessive Linda, die mit ihren Reizen nicht geizt. Auch hier stimmt Juli Zeh bei ihrer Romanfigur eine subtilere Art der Überzeugungskunst an.

Natürlich ist es nur eine Frage der Zeit, bis der Konflikt die menschlichen Abgründe herauskitzelt. Der Spannungsbogen kann bei der Bühnenfassung von Ute Scharfenberg und in der Inszenierung von Tobias Wellemeyer jedoch nur schwer gehalten werden. So geht es zumindest mir, die ich das Stück mit den sehr frischen und präsenten Lese-Eindrücken vergleiche. Schade. Vielleicht muss man das Theaterstück tatsächlich schauen, wenn man den Roman noch nicht gelesen hat oder die Lektüre länger her ist. Für mich war es kein fesselnder Theaterabend. Vielmehr freute ich mich darauf, das Ende nun noch selbst zu lesen. (so)

Die kommenden Vorstellungen sind bereits ausverkauft. Erst ab 1. März gibt es wieder die Möglichkeit, Karten zu erhalten: www.hansottotheater.de

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