Stadtflüchter

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„Wir sind nackt und nennen uns Du“, lautete der programmatische Titel einer Schrift der Nacktkolonie am Motzener See

Der erste Blick fällt auf die nackten Damen im „Garten der Schönheit“ von Karl Vanselow. Der betrieb vier Jahre in Werder einen Verlag und frönte schon früh der Freikörperkultur. Während er mit seiner Prosa gern mal die Schwelle zum Kitsch überschritt, setze er als Fotograf die jungen Damen im Eva-Kostüm durchaus wirkungsvoll in Szene. Mit diesem reizvollen Auftritt des schillernden Akteurs von der Blüteninsel wird die Ausstellung „Einfach. Natürlich. Leben. Lebensreform in Brandenburg 1890-1939“ wirkungsvoll eingeläutet. Doch es gibt schon im wohligen Orange des Entrees eine Bildtafel, die den Besucher schmunzeln lässt. Sie zeigt, wie sich unsere Vorfahren anno 1904 ihren Zukunftsstaat vorstellten.

So hofften sie auf eine 3-stündige Arbeitszeit, auf ein Gehalt, das jeder Mensch zeitlebens bekommt, auf ein Haus mit zwei überdachten Schlafbalkons, auf Tanz und Frohsinn, Spiele im Freien – eben auf das irdische Paradies. Doch sie beließen es nicht mit Träumen. Es entfachte sich ab der Jahrhundertwende eine Reformbewegung, die das Leben gründlich umkrempelte, starre Hüllen fallen ließ und wacker in die Natur hinaus trat. Zwanglos ging es zu, selbstbestimmt, mit Blick auf Kraft und Schönheit, gesundes  Essen, Alkoholverzicht und vor allem auf viel Bewegung. Wer durch die Ausstellung im Kutschstall schlendert, wird seine Freude haben an den tanzenden und hüpfenden Nackedeis, aber zugleich auch erstaunt sein, wie nahe uns diese Lebenssichten und -entwürfe heute wieder sind. Ökofreaks und Vegetarier, Weltverbesserer und Gesundheitsapostel – sie alle traten bereits vor 100 Jahren auf den Plan. Doch sie wurden unsanft aus ihren alternativen Refugien herausgerissen. Der Einzug Hitlers ließ die Reformszene veröden. Einzelne Ideen wurden rassentreu verwertet und instrumentalisiert und die Natur- und Landsehnsucht zur Ideologie von Scholle, Blut und Boden verbogen. Es gab in der Reformbewegung durchaus eine Anfälligkeit für völkische Ideen, wie in der Siedlung Heimland bei Rheinsberg zu sehen. Dazu hätte man sich in der Ausstellung eine etwas umfangreichere Einordnung gewünscht. Das leistet wiederum der informative und sehr lesenswerte Begleitkatalog.

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„Im Garten der Schönheit“ von Karl Vanselow, der vier Jahre in Werder arbeitete.

Warum aber waren die Kolonien mit den Aussteigern und Glückssuchern gerade im Brandenburgischen so dicht gesät? Das lag, wie die Ausstellung nuancenreich erzählt, an der Nähe zu Berlin, der größten Mietskaserne der Welt! Die Leute wollten raus aus dem Mief. Das trieb viele Individualisten an, sich zusammenzuschließen und eigene Siedlungen im Grünen zu gründen: wie in Gildenhall/Neuruppin,  Bad Saarow, Oranienburg-Eden …  Immer schön an der Bahnlinie entlang, so dass man auch schnell wieder in die Stadt zurückkehren konnte.

Die vielen Exponate zeigen plastisch und unterhaltsam, wie das Aufbegehren und Freimachen von Konformität funktionierte. „Wir sind nackt und nennen uns Du“, lautete zum Beispiel der  Titel einer Schrift der Nacktkolonie am Motzener See. Licht, Luft und Wasser  sollten die Selbstheilungskräfte ankurbeln. Die Reformer holten ihre Heilwässerchen dabei tief aus dem Brunnen der Vergangenheit. „Was eine Krankheit hervorruft, heilt sie auch wieder“, wusste  schon Hippokrates.

Es wurde von den Stadtflüchtern nicht nur dem Körper in seiner bloßen Schönheit gehuldigt, sondern auch gemeinsam gelebt, gearbeitet, verteilt. Bestehende Besitz- und Produktionsverhältnisse galten als Schnee von gestern. So sehen wir die töpfernden und webenden Frauen in Gildenhall, die aussehen wie aus dem Katalog von Gudrun Sjörden, und zeitlos schöne Waren produzierten. Doch trotz des begeisterten Miteinanders gingen sie pleite, fehlte ihnen die Gabe zum wirtschaftlichen Rechnen.

Andere Ideengeber überleben bis heute, wie die Demeter-Höfe, die aus der anthroposophischen Rudolf-Steiner-Bewegung hervorgingen. Die Ausstellung schafft den Spagat, zu unterhalten, zu amüsieren und doch diese Reformer trotz mancher Schrulligkeit ernst zu nehmen. Es ist kurzweilig in dieser Ahnengalerie der Eigenbrötler und Glückssucher, die bis unterm Holzgebälk des Kutschstalls versammelt sind. Und sie erzählt auch von dem Mut, eingefahrene Wege zu verlassen, um mit sich selbst im Einklang zu leben.   (he)

Einfach. Natürlich. Leben

Lebensreform in Brandenburg 1890–1939

Eine Ausstellung des HBPG/Kutschstall im Rahmen des Themenjahres Kulturland Brandenburg 2015 „gestalten–nutzen–bewahren. Landschaft im Wandel“. Zu sehen bis zum 22. November 2015, Am Neuen Markt
www.hbpg.de/Ausstellung_Lebensreform.htmlhttp://www.hbpg.de/Ausstellung_Lebensreform.html

Weiteres zu unserer Freikartenaktion: kultursegler.de/aktionen/

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