Farbe statt grauer Masse. Das Museum Barberini schaut „Hinter die Maske“: auf Künstler aus der DDR

Kampf ums Gleichgewicht: Der „Seiltänzer“ von Trak Wendisch 1984

Hier soll ein Schlussstrich gezogen werden: Das Nachwende-Schwarz-Weiß-Bild der DDR-Kunst wird mit Farbe gefüllt. Nein, es gab nicht nur Staats- und Auftragskunst und nicht alle Künstler biederten sich an und ließen sich verbiegen. Und selbst die staatsnahen Größen warteten durchaus mit Qualität auf. Differenzierung statt Pauschalisierung. Das Museum Barberini schaut nun abseits der politischen und sozialen Aufladung auf die künstlerische Bedeutung, die zwischen 1945 bis 1989 entstanden ist. Die ausgewählten Werke von 80 Künstlern in rund 120 Werken zeigen deutlich die Traditionslinien auf, die an den DDR-Grenzen keineswegs vorbei liefen.

Auch hier gab es ausdrucksstarke und kraftbeseelte Selbst- und Gruppenbildnisse, wie sie seit der Renaissance gemalt wurden und die über ihre Zeit hinaus zu uns sprechen. Und auch Abstraktes fernab vom sozialistischen Realismus gelangte auf die Leinwand, wie von Hermann Glöckner, der mit seinen Formenexperimenten sicher weit entfernt vom Selbstbildnis eines Willi Sittes stand. Hier, in dieser Ausstellung, sind sie vereint: auf engem Raum im weiten Feld, die Hofierten und Fallengelassenen.

Selbst Künstler, die sich nie zur DDR dazu gehörig fühlten und sich wie Hartwig Ebersbach in ihre Nischen selbstbestimmt zurückzogen, wurden nach 1989 in den Einheitstopf „DDR-Kunst“ geworfen. Einer der acht Themenräume zeigt explizit Störfelder auf, wie die „Umerziehung der Vögel“ von Hans-Hendrik Grimmling, der unter das zwanghafte Behandeln in der Diktatur litt und das auf seinen Bildern mit voller Wucht herausschrie. Robert Rehfeld persiflierte sich selbst: auf Polaroid-Selbstportäts thematisierte er das Uniforme, den Gleichschritt. „Sei Kunst im Getriebe. Künstler rührt Euch, sonst werdet Ihr weggetreten.“, rief er auf!

Wolfgang Mattheuers Atelierbild „Das graue Fenster“

Rund die Hälfte der Arbeiten sind eher unbekannt und nun eine späte bereichernde Entdeckung aus der breit gestreuten Gemengelage Made in DDR. Andere wiederum vermisse ich, wie Heidrun Hegewald oder weitere Vertreter aus Potsdam, wo das Barberini ja nun mal sein Zuhause hat. Allein der 2004 verstorbene Karl Raetsch fand hier mit seinem melancholisch-düsteren Gruppenbild „Potsdamer Maler“ Eingang. Andere hätten gern Hubertus Giebe oder Gerhard Kettner dabei gehabt. Doch es ist nun mal eine Auswahl und die kann nur ein Querschnitt sein. In der X. Kunstausstellung der DDR in Dresden 1987/88 waren 1500 Künstler beteiligt, hier sind es 80 und die stehen exemplarisch für vier Jahrzehnte! Doch es ist ja nur ein Anfang.

Den Anstoß zu dieser künstlerischen Aufarbeitung legte Hasso Plattner selbst, der Herr des Hauses, selbst Sammler von DDR-Kunst mit besonderer Vorliebe für Wolfgang Mattheuer und Willi Sitte. Er verstehe nicht, warum auch heute in den Museen kaum Kunst aus der DDR vertreten sei, sagte er in einem Interview. In seinem Museum ist das nun anders. Der Auftakt ist gemacht und unbedingt sehenswert. Und natürlich zur Diskussion einladend. Denn so ganz lässt sich der Mantel DDR wohl nie ablegen. Aber es lohnt den Blick darunter.

Für mich ist ein ganz besonders schöner Raum der in Lila getünchte zum Thema „Erbansprüche. Vorbild und Verweis“, der vor allem Strawaldes „Nach Giorgione“ zauberhaft in Szene setzt. Daneben ist Dieter Weidenbachs „Unterwegs“-Bild von 1976 zu sehen, das sich auf den „Landstreicher“ von Hieronymus Bosch bezieht. Weidenbach malte dieses Selbstporträt mit 31 Jahren: Er ist im Aufbruch, will sich und die Welt vermessen. Berührend auch die Pieta von Andreas Wachter. Er nutzte das Urbild der Trauer, um den Schmerz über den Tod seiner Frau zu verarbeiten und malte sich selbst als Pieta.

Wenn ich auf den „Seiltänzer“ von Trak Wendisch aus dem Jahr 1984 schaue, auf seinen verkrampften Körper, der Anspannung bis zur Panik, rückt die bleiernde Zeit des Stillstands wieder hautnah in Erinnerung.

Doch machen Sie sich selbst ein Bild von dieser Kunst und ihren Machern in all ihrer Widersprüchlichkeit, die keineswegs eine homogene Masse war. Und auch heute zum Teil hochaktuell erscheint. he

Zu sehen bis zum 4. Februar 2018 im Museum Barberini, Am Alten Markt. Es gibt einen tollen Katalog dazu: erhältlich im Museumsshop für  29,95 Euro und im Buchhandel für 39,95 Euro. Erschienen ist er im Prestel Verlag

Weiteres unter www.museum-barberini.com

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