„Ich wechselte die Männer wie meine Tabletten“: Eine Biografie über die deutsch-jüdische Schriftstellerin Angelika Schrobsdorff

Während meiner Weiterbildung im Biografischen Schreiben wurde immer wieder Angelika Schrobsdorff zitiert. Nicht nur ihr wohl bekanntestes Buch „Du bist nicht so wie andere Mütter“ eignete sich bestens, um zu zeigen, wie man ein Leben eindringlich zu Papier bringt. Nichts beschönigen, nichts verschweigen – das war das Schreib-Credo der klugen und lebenshungrigen Schriftstellerin Schrobsdorff (1927–2016).

Über ihre Kindheit notierte sie: „Ich fürchtete die Wutanfälle meiner Mutter mehr als die Hexe aus ,Hänsel und Gretel‘. Es waren Momente der Angst und des Schreckens, von denen ich schon mehr als genug kannte. Auf einem Bild aus diesen Jahren, das der Maler Jäckel, ein Freund meiner Eltern, von mir gemalt hat, sehe ich aus wie eine Käthe-Kruse-Puppe, die voller Argwohn und Ablehnung in die Welt blickt. Meine Schwester behauptet noch heute, ich sei ein entsetzliches Kind gewesen.“

Dieses Kind musste 1939 Berlin verlassen und wurde in ein fremdes Land, nach Bulgarien, verfrachtet. Diese Entwurzelung und das Schicksal ihrer jüdischen Familie führten zu Beziehungsängsten, unter denen sie zeitlebens litt. „Ich wechselte die Männer wie meine Tabletten, von denen ich nie lange dieselben nahm aus Angst, die Wirkung könne sich vermindern.“

Im be.bra Verlag ist nun die Biografie „Angelika Schrobsdorff – Leben ohne Heimat“ erschienen, die noch einmal diese charismatische Autorin zu Worte kommen lässt: durch zahlreiche Zitate aus ihren Büchern, persönliche Briefe und eine einfühlame Zusammenfassung ihrer Gedanken- und Lebensfülle.

Die Idee zu diesem Buch kam von der Berliner Künstlerin Rengha Rodewill, die viele Jahre in Babelsberg ihr Atelier hatte. Als 2006 Angelika Schrobsdorff aus Jerusalem nach Berlin zurückkehrte, um irgendwann in der deutschen Sprache zu sterben, nahm Rengha Rodewill sofort Kontakt zu der von ihr verehrten deutsch-jüdischen Schriftstellerin auf. Sie wollte der viel Gereisten eine Installation im Haus der Wannsee-Konferenz widmen: aus alten Koffern mit Bezügen zu ihrem kosmopolitischen Leben. Aus Platz-und Sicherheitsbedenken wurde daraus nichts. Aber Rengha Rodewill hatte sich so „verhakt“ in ihre Schrobsdorff-Annäherung, dass die Idee einer Biografie daraus erwuchs. Dafür begab sie sich auf eine fotografische Spurensuche an all die Orte, die Angelika Schrobsdorff stärkten oder einsam werden ließen: Berlin, Paris, Jerusalem … Unterstützung erhielt Rengha Rodewill von Angelika Schrobsdorffs Sohn Peter sowie von der Schriftstellerin Beatrix Brockmann. Die trug im fernen Tennessee Informationen aus mehr als zehn Schrobsdorff-Büchern so genau wie möglich zusammen und interpretierte sie auf eigene, sehr behutsame Weise.

Text und Fotos ergeben ein spannende Zeitreise, die uns teilhaben lässt an ein rastloses, aufwühlendes, oft selbstzerfleischendes Leben, eingebettet in die Geschichte Europas und Israels. Nach dieser Lektüre hat man sofort Lust, wieder eine Schrobsdorff in Gänze zu lesen. Vielleicht  „Die Herren“ (1961), die einst wegen ihrer lasziven Beschreibungen einen Skandal auslösten?!  Oder vielleicht ihr letztes Buch: „Der Vogel hat keine Flügel mehr. Briefe meines Bruders Peter Schwiefert an unsere Mutter“, das sie 2012 herausgab.

Von 2006 bis 2009 konnte man Angelika Schrobsdorff noch oft auf Lesungen erleben, so auch bei der Eröffnung des 12. Jewish Film Festivals Berlin Potsdam. „Bei ihren letzten Medienauftritten wirkt sie verbittert und unzugänglich. Mehrfach spricht sie vom Tod, dass sie sich ein schnelles Ende wünsche, aber von ihrer schrecklichen Vitalität daran gehindert werde, einfach zu sterben.“ Am 30. Juli 2016 trug man sie schließlich zu Grabe: auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee.  he

„Angelika Schrobsdorff  –  Leben ohne Heimat“, erschienen im be.bra Verlag, 22 Euro

http://www.bebraverlag.de/verzeichnis/titel/748-angelika-schrobsdorff.html

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