Kanon der Einsamkeit: Die „Drei Schwestern“ am Hans Otto Theater

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Der schöne Schein: Hinter der Fassade bröckelt es im Gebälk der Einsamkeit. Jeder greift in seinem Anspruch auf Glück ins Leere. Foto: HOT/HL Böhme

„Wir wollen nach Moskau!“. Gebetsmühlenartig wiederholen die Schwestern diesen Satz: schreiend, flüsternd, fast daran erstickend. Moskau ist ihr Sehnsuchtsort, ihre Hoffnung. Er könnte auch „Europa“ heißen, so wie wir ihn täglich von Flüchtlingen in den Medien rufen hören. Die Sehnsucht trägt viele Gewänder.

Anton Tschechows Stück „Drei Schwestern“, das am Freitag am Hans Otto Theater zur Premiere kam, rückt dem Besucher hautnah auf Leib und Seele.

Wir fühlen in der zupackenden Inszenierung von Tobias Wellemeyer mit, wenn er diesen so unterschiedlichen und doch in ihrem ungestillten Liebesdrang vereinten Schwestern die Maske abnimmt: nach dem frühen Tod der Eltern allein mit dem Bruder in der grauen Provinz. Ihre Villa wirkt wie ein Wartesaal im Sackbahnhof. Die vielen Stühle im Salon bleiben im verblassten Glanz zumeist unbesetzt: nur „anderthalb“ unattraktive Militärs umgarnen die zwischen Langeweile und Aufopferung dahinwelkenden Frauen. Bis ein neuer Batteriechef in die Einöde kommt: direkt aus MOSKAU.

Es entspinnen sich Affären, lieblose Beziehungen, ein ewiges Philosophieren und Palavern – am Leben im Hier und Jetzt strikt vorbei. „Uns hat das Leben überwuchert, erstickt wie wildes Gras“, sagt eine der Schwestern. Die facettenreiche Nina Gummich, die wir gerade in dem NSU-Dreiteiler als fiktive Freundin von Beate Zschäpe im Fernsehen erleben konnten, spielt die jüngste Schwester, Irina, in wilder Achterbahnfahrt: Sie rebelliert, schmachtet, schmollt, und wird schließlich immer kleinlauter, wenn sie sich verzehrt nach der Liebe, die doch irgendwo zu finden sein muss. Natürlich in Moskau! Sie trägt die Koffer bis zum Schluss im Kreis: die sich wegträumende Powerfrau, die innerlich vergreist.

Marianna Linden spielt die kluge, abgeklärte, noch immer sehr erotische Mascha: Ja, sie hat einen Mann, einen Langweiler, der sie auf Händen trägt. Er akzeptiert selbst ihre Gefühle zu dem neuen Batteriechef, den Wolfgang Vogeler als unglücklich verheirateten Feingeist – verbittert und von neuer Leidenschaft übermannt – in überzeugender Zerrissenheit spielt. Und dann ist da die älteste der drei Schwestern: Olga. Bestens besetzt mit der großartigen Melanie Straub. Sie arbeitet trotz Kopfschmerzen bis zum Umfallen, wird gegen ihren Wunsch Schuldirektorin, opfert sich auf für alle und jeden – und erstickt in dieser Arbeit und Nächstenliebe ihr eigenes tränendes Herz. Ein Bild, das sich festsetzt, wenn sie mit roter Nase von einer Schulveranstaltung erschöpft nach Hause kommt. Ihre Einsamkeit trägt eine Clownsnase.

Natürlich bleibt die Frage: Warum machen sie sich nicht auf den Weg, diese ewig Jammernden, auf der Stelle tretenden Intellektuellen? Warum lassen sie nicht alles hinter sich, statt ihre Hoffnungslosigkeit in immer mehr Wodka zu ertränken? Würde es woanders für sie besser sein? Tschechow, der grandiose Beobachter und Stimmungsmaler, stellt bloß, spitzt zu und schafft Charaktere, die es zu allen Zeiten gibt: die ihr Leben in utopischen Träumen vergeuden und im Sinnieren über das große ferne Glück sich selbst verlieren. Von der Gesellschaft und den eigenen persönlichen Umständen mit verursacht und befördert. Er hält den Spiegel vor – in dem er auch sein eigenes Familienbildnis sieht. „Es gibt kein Glück, nur die Sehnsucht danach“, lässt er seine Protagonisten sagen.

Eine Szene setzt sich besonders eindrücklich fest: wie all die großen verlorenen Leute um einen surrenden Brummkreisel stehen – und sich wie erstarrt ihrer Kindheit erinnern. Ihr Lebenskarussell stand still, noch ehe es richtig Schwung aufnahm.

Tobias Wellemeyers dreistündige Inszenierung mit einem sehr differenzierten Blick auf die verlorenen Helden und mit 13 ensemblestark auftrumpfenden Schauspielern schafft es, die Spannung zu halten: Immer wieder wird die Düsternis und Starre mit grotesk unterhaltenden Momenten aufgelockert, bis der bittere Bodensatz auch die letzte Hoffnung erstickt. (he)

Weiteres unter www.hansottotheater.de

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