Kein Halt auf freier Strecke. „Schlafen werden wir später“ in dieser rastlosen Zeit

Zsuzsa Bánk lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern in Frankfurt am Main. In ihrem Briefroman  fragt sie: Was wird noch kommen in diesem Leben um die 50?! Foto: Gaby Gerster

Gerade bin ich durch den dicken Wälzer von Juli Zeh gerauscht und noch ganz benommen von diesem stachligen Charakteren-Gestrüpp, das tief in die Haut sticht. Dieser schwergewichtige Heimatroman „Unterleuten“ reißt einer sehnsuchtsgetränkten Dorfromantik beherzt die Maske vom Gesicht. Danach hat es jedes weitere Lebensdrama erstmal schwer, zu einer neuen Leseleidenschaft zu werden.

Dennoch griff ich erwartungsfroh zu Zsusza Bánks im S. Fischer-Verlag erschienenen Briefroman „Schlafen werden wir später“, das die Autorin am Mittwoch im Waschhaus vorstellen wird. Eigentlich sollte die Lesung  im Buchladen Wist stattfinden, aber die Nachfrage war zu groß. Von der preisgekrönten deutschen Schriftstellerin mit ungarischen Wurzeln kannte ich bereits „Die hellen Tage“, die mich in ihrer weltverlorenen Schwebe leseglücklich machten.

Ihr neues Werk ist nun in gut konsumierbarer Briefform geschrieben: Zwei Freundinnen teilen sich fast täglich per Email mit, von welchen Alltagskrisen sie gerade durchgeschüttelt und aufgerieben werden. Und davon gibt es unzählige in diesen beiden so verschiedenen Leben.

Das eine gehört Márta, der Schriftstellerin, die mit ihrem Mann Simon und den drei Kindern in der Großstadt wohnt. Márta wünscht sich nichts sehnlicher, als endlich einmal durchschlafen und dann in Ruhe ein paar Verse zu Papier bringen zu können. Kein literarischer Gedanke hat aber nur annähernd Chance, in Ruhe zu reifen: Da stehen das zu stillende Schreikind Henri, das quirlige Kitakind Franz, die matheschwächelnde Mia  vor … Und immer wieder die Geldsorgen.

„ … mein Kopf ist leergepflückt und abgemäht wie eines dieser krähenliebenden Weizenfelder auf Fehrmann, nach denen ich mich sehne …“, schreibt Márta, die sich permanent gehetzt fühlt und beim Fensterputzen manchmal am liebsten hinaus fallen möchte. Ja, die Sehnsucht nach dem kleinen Glück, der Zeit für sich selbst, dem „richtigen“ Leben: die vereint diese beiden sich innig liebenden Freudinnen. Auch Johanna, die in der Ruhe des Schwarzwaldes ihre Heimat gefunden hat und jeden Tag mit dem Rad zur Arbeit fährt, hadert mit der Frage: Was fangen wir noch an mit dem Leben, jetzt nachdem wir die halbe Strecke schon gegangen sind? Ja, sie hat Zeit. Dafür aber keine Familie. Die Lehrerin, die von ihrer großen Liebe verlassen schwerkrank wurde und kinderlos zwischen Schule und  Doktorarbeit ihren Kopf bewegt, vergräbt sich in die Vergangenheit. Sie wühlt sich durch das Werk der berühmten Dichterin Annette von Droste Hülshoff – auch um den immer wieder aufflammenden Schmerz des Alleingelassenseins zu besänftigen.

Die eine Freundin ist also Lyrikerin, die andere auf den Fersen einer Lyrikerin. Da verwundert es nicht, dass es sehr blumig zugeht und die Natur in all ihren Ausformungen seelentief und wortakrobatisch besungen wird. Nach der sehr klaren zupackenden Sprache von Juli Zeh bedurfte es schon eines kurzen Anlaufs, um in diesem Schwelgen mit aufzugehen: in diesen zerrissenen Nächten, Nächten mit glitzernden Nägeln, den vierteldurchwachten Nächten … Dem gegenüber steht der knallharte Alltag: ohne Schmuck und Girlanden. Wie der beim ersten frühen, viel zu frühen Kaffee ganz nebenbei gesagte  Satz: „Wäre ich um zehn Jahre jünger und hätte drei Kinder weniger, hätte er mich schon verlassen“.  Das hatte Simon zu Márta gesagt, in einem Ton, als sei es ohne Bedeutung … Aber natürlich hat es Bedeutung. Jeder Satz auf diesen 682 Seiten hat Bedeutung, denn es geht um die weit verästelten, vielschichtigen Familienbeziehungen in diesem gefühlsprallen, sehnsuchtsschmachtenden, wutschnaubenden und immer wieder hoffnungsgestimmten Briefroman.

Wen könnte man sich in seinen zutiefst ehrlichen, aufwühlenden Gedanken wohl besser anvertrauen als der Busenfreundin aus Kindertagen, die noch dazu die Großeltern und Eltern kennt,  die Geschwister, die verflossenen und gegenwärtigen Lieben, die eigenen Kinder und unerfüllten Kinderwünsche. Und das Gefühl, vielleicht am Leben vorbei zu leben. Johanna und Márta haben einst verträumt und kämpferisch im nassmodernden Laub nebeneinander gelegen, um gegen die Startbahn West zu protestieren. Trotzdem wurde Baum für Baum gefällt. „Und wir haben uns vom Glauben, wir könnten etwas bewegen oder verhindern, über Nacht verabschiedet“.

„Wer und was bleibt mir im Alter?“, fragt Johanna. Und auch Márta wirft ihren Stein in diesen Gedankenfluss, der weitertreibt. Immer wieder gibt es Ab- und Aufbrüche, schließen und öffnen sich Kreise im Reigen dieser beiden Frauenseelen. Und als Leserin trete ich gern mit hinein, fühle mich mitgenommen, aufgewühlt und inspiriert von diesem blumenbekränzten, nachtdunklen, taghellen Lebenslesedrama. (he)

Zsuzsa Bánk liest „Schlafen werden wir später“ (erschienen im Verlag S. Fischer, 24 Euro)
am Mittwoch, 8. März, 19 Uhr
im Waschhaus Potsdam, Schiffbauergasse
Eintritt: 7 €

Vorverkauf über den Litertaurladen Wist unter Tel. (0331) 2800452

 

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