Laut kläffend: Lars von Triers „Dogville“ am Hans Otto Theater

Die Menschlichkeit wird ans Kreuz genagelt. Foto: HL Böhme/HOT

Dass dies ein schonungsloser Abend werden würde, war voraus zu sehen. Schließlich ist Lars von Triers Film „Dogville“ von so einer schmerzhaften Wucht, dass er atemlos macht. In von Triers düsterer Parabel spielte Nicole Kidman die Hauptrolle der Grace und ich erinnere mich noch sehr eindrücklich daran, wie angespannt ich um ihr Überleben bangte und wie überrascht ich schließlich von dem Ende war.

Am Samstag brachte nun das Hans Otto Theater „Dogville“ in der Dramatisierug von Christian Lollike auf die Bühne. Für die Inszenierung dieses Höllentanzes holte sich das HOT erstmals den erfolgreichen Regisseur Christoph Mehler ans Haus, der viele Jahre die Spielstätte Box und Bar am Deutschen Theater leitete. Das Premierenpublikum war erstaunlich jung und folgte der ins Groteske getriebenen straffen Einstudierung mit Lachen und konzentriertem Innehalten.

Wie auf einem offenen Tableau zeigte die Bühne von Nehle Balkhausen, dass hier der Glaube ans Gute schonungslos ans Kreuz genagelt wird. Dabei fing alles so harmlos an: mit einem langen Monolog des pubertären Möchtegern-Dichters Tom Edison, dem Moritz von Treuenfels mit großer Intensität zwischen Naivität und sexueller Begierde Spannkraft gab.

Für Tim, der die Welt zum moralisch Besseren führen möchte, kommt die schöne Grace gerade recht. Von Gangstern verfolgt, findet Grace in einem kleinen Dorf in den Bergen Unterschlupf. Nach anfänglichem Zögern gewähren die Einwohner der Getriebenen Quartier. Vorerst für 14 Tage. Doch für umsonst ist nur der Tod. Grace, was übersetzt Gnade heißt, hält den Dörflern den Spiegel vor. Sie, die Reine, die sich aufopfert, um abzuarbeiten, was ihr als Gnade zugebilligt wird, wird zunehmend zum Freiwild. Jeder lädt seine Wut über das eigene verpfuschte Leben ungeniert bei ihr ab: Sie spucken auf dieses armselige fremde Geschöpf.

„Grace versucht die Lebenslügen dieser Menschen aufzubrechen. Doch das ist schmerzhaft, das wollen die Bewohner von Dogville nicht“, beschreibt Christoph Mehler im Programmheft die Situation. Der Regisseur reißt diesen Menschen ihre Masken ab, zeigt die Fratzen, das Lüstern-Triebhafte wie bei Tieren. Mehler zeichnet gespenstische Bilder: So wie er Melanie Straub als geschlagene Ehefrau und lieblose Mutter über die Bühne kläffen lässt, spürt man die ganze Widerwärtigkeit eines abgestumpften Lebens. Auch für die Vergewaltigungsszenen findet der Regisseur Übersetzungen, die ohne ausufernde sexuelle Darstellungen bis an die Grenze des Erträglichen gehen.

Das große Manko dieser Inszenierung ist indes das ständige Brüllen, das die feinen Nuancen unter sich begräbt. Natürlich geht damit von der Stille das Kraftvolle aus, so wenn Rita Feldmeier als Ma Ginger mit ihrem diabolischen Verhalten die Mitbewohner infiltriert. Doch warum muss auch Denia Nironen als Grace ständig schreien? Dieses Zugebrülle des bis an seine Grenzen spielenden Ensembles führte bei mir zum Überdruss, so dass ich mir am Ende nur noch die Ohren zuhalten wollte. Damit verlor die ansonsten zwischen Leichtigkeit und kraftvoller Schärfe gut ausbalancierte Inszenierung vieles von ihrer emotionalen Eindringlichkeit. Nach 90 Minuten wurde das Gebrüll niedergeschossen. (he)

Wieder zu sehen am am 30.4. und 14.5. 2017 im Neuen Theater, Schiffbauergasse

Weiteres unter www.hansottotheater.de

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