Märchenhaft schön – „Nathan der Weise“ in der Französischen Kirche

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Jude und Muslim werden Freunde: Teo Vadersen spielt den reichen und weisen Nathan (r.), Martin Molitor den offenherzigen Sultan Saladin.                 Foto: Poetenpack/Constanze Henning

Dieser Ring ist von feinstem Schliff, facettenreich schillernd, rund und märchenhaft schön. Teo Vadersen lässt als Nathan der Weise jedes Wort aus der Ringparabel vorsichtig im Mund zergehen. Nachdenklich streicht er seinen Bart, tastet sich vor wie eine Katze um den heißen Brei. Er lässt sich Zeit, wägt ab und lässt blitzgescheit eine Geschichte entstehen, die zutiefst ergreift: Die Geschichte des Vaters und seiner drei streitenden Söhne, die gleichnishaft für die sich streitenden Religionen in der Welt steht. Welche nun ist die wahre?

Die meisten Zuschauer, die dicht gedrängt um die Bühne in der Französischen Kirche sitzen, kennen Lessings Lehrstück sicher noch aus der Schule. Doch wenn sie wie in der Inszenierung von Andreas Hueck und in dem blutvollen Spiel Teo Vadersens so plastisch vor Augen geführt wird, ist sie wieder ganz neu: zupackend und hoch aktuell. Dieser Jude Nathan hat Schlimmes erlebt und sich doch das Wichtigste bewahrt: seine Menschlichkeit.

Anfangs fällt es schwer, die Erzählfäden dieser sehr komplexen Geschichte um die Utopie des toleranten Miteinanders aufzunehmen. Man muss sich in die Sprache hineinhören, die Wirrnisse der Familienverstrickungen entzerren wollen. Andreas Hueck vom Potsdamer Poetenpack setzt sehr auf den Text, schnörkellos. Er platziert ihn auf karger Bühne, auf der lediglich sieben Säulen thronen: „Wände“, die immer wieder verschoben werden und andere Räume schaffen. Es sind die jungen Mitspieler von der DaVinci-Gesamtschule Potsdam, die sie verrücken. Doch diese Mädchen mit Kopftüchern und Jungs in Nike-Turnschuhen aus der Willkommensklasse sind nicht nur Kulissenschieber. Wenn sie schweigend einen Sarg über die Bühne tragen, Kerzen in einer Messe entzünden oder gemeinsam arabische und jüdische Weisen singen, rührt das an. Noch bevor das Spiel beginnt, werfen sich einige von ihnen auf die Knie und beten zu Allah: in diesem Gotteshaus, das einst für die aus Frankreich geflüchteten Hugenotten erbaut wurde, für Protestanten, verfolgt von Katholiken. 20 000 Flüchtlinge fanden damals in Potsdam eine Perspektive.

Heute, über 300 Jahre später, treffen sich wieder Flüchtlinge unter der Kanzel. Auch sie suchen eine Bleibe, eine Zukunft ohne Krieg. Diese Inszenierung – ermöglicht durch Spendengelder Potsdamer Bürger! – setzt ein Zeichen. Und gewinnt gerade durch das Mitwirken des Chores aus Juden, Muslime und Christen, also von den Schülern aus der Willkommensklasse und ihren Freunden, eine große emotionale Ausstrahlung.

Sicher, der Text hätte stärker eingestrichen werden können. Es gibt Hängepartien, und 3,5 Stunden sind eine Herausforderung auch für das Publikum, zumal einige Schülervorstellungen geplant sind. Die Schauspieler in der Ausstattung von Janet Kirsten spielen ihre Rollen indes in nuancenreicher Präsenz. Wie Martin Molitor als bedachter Sultan Saladin und Simone Kabst als seine clevere Schwester. Auch Clara Schoeller, die als Nathans angenommene Tochter Recha die erste Liebe erleidet, überzeugt in ihrer jungmädchenhaften Natürlichkeit. Ebenso wie Johanna Lesch als Daja, Rechas Gesellschafterin: eine Christin im Hause des Juden Nathan, verschlagen und doch liebenswert. Felix Isenbügel als junger Tempelherr gelingt es noch nicht, seine schwierige Rolle in dem Spagat des hitzköpfigen Ritters und des von der Liebe zu Recha getroffenen Träumers zu gestalten. Die Gefühlsausbrüche wirken oft aufgesetzt – besonders, wenn sie einer so großartigen Szene wie der von der Ringparabel folgen. (he)

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Clara Schoeller als Recha im unschuldig weißen Kleid und Schüler der Willkommensklasse mit Freunden aus der DaVinci-Gesamtschule Potsdam als Chor. Foto: Henning

 

Weitere Vorstellungen sind heute um 19 Uhr, vom 19. bis 21., am 26.und 27. November, jeweils 19 Uhr, sowie am 28. November um 17 Uhr in der Französischen Kirche am Bassinplatz. Karten kosten im Vorverkauf 18/ erm.14 Euro (zzgl. Gebühren) und an der Abendkasse 22/ erm. 18 Euro.

Ergänzend zu den Schülervorstellungen sind theaterpädagogische Workshops geplant. Deren Finanzierung ist noch nicht gesichert. Aus diesem Grund bleibt die Plattform Spenden Sie Toleranz weiterhin aktiv.

Weiteres unter www.theaterpoetenpack.de  und www.potsdamer-toleranzedikt.de

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