Politisch, erotisch, wild – Was ist los in Potsdams Galerien? Eine Oster-Offensive

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Das KUNST-KONTOR in der Bertinistraße frohlockt schon im Garten mit plastischer Schönheit.

Wohin des Weges? Welcher Ausstellung schenke ich zuerst mein Augenmerk? Potsdams Galerien starteten fast zeitgleich eine Frühjahrsoffensive, die es schwer macht, sich zu entscheiden. Aber man muss ja nichts überstürzen: die meisten aktuellen Ausstellungen ziehen sich bis in den Mai hinein …

Wie sich Chinesen an der Welt reiben

_DSC9887Bei den Chinesen im Kunstraum c/o Waschhaus in der Schiffbauergasse sollte man sich indes sputen: Dort gibt es noch bis 10. April die sehr politische und spannende Ausstellung „Gunes and Roses“, die sich in überwiegend feinsinnigen Metaphern und in einer ungewöhnlichen Formensprache dem Thema Krieg, Gewalt und Terrorismus widmet. Auf vielen Arbeiten sind Waffen zu sehen. Manchmal nur zu erahnen, dann wieder schweben sie blutrot und bedrohlich in Form von Bomben über die Besucherköpfe hinweg. Guns and Roses lohnt den Besuch, um einem Land näher zu kommen, das in seiner ganzen Widersprüchlichkeit eine facettenreiche Kunst hervorbringt, die sich an der Welt reibt. Und mehr zu bieten hat als die zumeist recht plakativen Arbeiten von Ai Weiwei.

Bis 10. April, Mi bis So 13 bis 18 Uhr, Schiffbauergasse,  www.kunstraumpotsdam.de

 

Schnappschüsse von Volker Schwenck aus der syrischen Stadt Kobane

Schwenck_Kobane_48Auch andere Potsdams Galerien zollen der auseinanderfallenden kriegerischen Welt Tribut: die ae-Galerie in ihren neuen Räumen in der Charlottenstraße zeigt Fotos des ARD-Korrespondenten Volker Schwenck von der zerstörten Stadt Kobane im Norden Syriens – unweit der türkischen Grenze. Er hat bei Dreharbeiten eher beiläufig Erinnerungs-Schnappschüsse gemacht. Sie zeigen Trümmer soweit das Auge reicht. Und auch die Menschen, die zurückkehren in diese Höhlen, die ihnen trotz allem Heimat sind. Dringlicher denn ja möchte die Galeristin auf kriegszerstörte Städte und den dort zu bewältigenden Alltag aufmerksam machen. Auf einen Aufbruch, der immer wieder torpediert wird – durch neuen Terror.

Bis 7. Mai, Mi –Fr 15–19, Sa 12–16 Uhr, Charlottenstraße 13, Potsdam, www.ae-galerie.de

 

Armandos „Präsenz des Bösen“

Armando_WALDINNERES-4-8-15_Öl_auf_Leinwand_200x200cmGleich an zwei Ausstellungsorten – im Potsdam-Museum und Kunsthaus – ist der niederländische Künstler Armando präsent, der auch mit seinen 86 Jahren und trotz Rollstuhl wie besessen arbeitet. „Gerade wenn man so alt wird, hat man es eilig.“ Armando malt die Präsenz des Bösen – nichts für schwache Gemüter. Er erlebte als Junge in seinem Heimatort Amersfoort, wie die deutschen Besatzer ein Konzentrationslager errichteten. Er sah auf dem Weg zur Schule die Häftlinge in Gruppen zum Bahnhof marschieren, wo sie die Züge nach Sachsenhausen oder Buchenwald bestiegen. Seine Familie versteckte zwei Studenten aus der Stadt, die zu Zwangsarbeiten nach Deutschland geschickt werden sollten. Sie wurden von der deutschen Feldgendarmerie, den sogenannten Kettenhunden, entdeckt und schließlich doch abtransportiert. Und er war auch dabei, wie nach dem Krieg auf der Heide seines Ortes Massengräber ausgehoben wurden. Schon als Kind wollte er Künstler werden, vielleicht um all das zu verarbeiten. Bis heute wühlen ihn die Erinnerungen auf. Ich habe alles getan für diese blöden Farben, ohne die ich nicht leben kann. Ich schleppte als Hafenarbeiter schwere Säcke, boxte, füllte in Bierfabriken Flaschen ab. Letztendlich um die Hände frei zu haben für die Kunst.“ Schuldige Landschaften nennt er seine Werke, die das Leid bedecken, doch nicht tilgen und vergessen lassen.

Bis 10. April im Kunsthaus, Ulanenweg 6, Di 11 – 15 Uhr, Mi – Fr 11 – 18 Uhr, Sa + So 12 – 17 Uhr  www.kunstverein-kunsthaus-potsdam.de

Und im Potsdam-Museum bis 8. Mai, Am Alten Markt 9, Di bis Fr 10 bis 17 Uhr, Do 10 bis 19 Uhr, Sa und So 10 bis 18 Uhr, Mo geschlossen
www.potsdam-museum.de

 

Zwei Generationen – Zwei Leben: Die Manns bei den Sperls

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Geradezu entspannend, aber durchaus auch spannungsgeladen, sind dagegen die Arbeiten von Natascha Mann, die gemeinsam mit Sohn Julec in der Sperl Galerie ausstellt. In dieser durch Baucontainer etwas ins Abseits geratenen Galerie unweit des Stadtschlosses kann Kunst in aller Herrlichkeit atmen. Hier, an den riesigen weißen Wänden, feiert das verlorene Paradies Auferstehung. Die 70-jährige Künstlerin lässt die propere Weiblichkeit in all ihrer Sinnlichkeit munter frohlocken – auch wenn ihr düstere Masken und Fratzen unheilschwanger entgegenstehen. Es ist ein wilder Tanz der Leidenschaft, der die Inspiration einer Weitgereisten farbenprächtig und naturbelebt, fantasiegetränkt und von erzählerischer Kraft in sich trägt. Sohn Julec mag es abstrakter, kantiger, griffiti-genährter. Er schiebt Formen und Farben übereinander und preist ihr Ineinandergreifen, das sich erst aus der Entfernung in Gänze offenbart.

Bis 15. Mai, Mi bis So, 12 bis 18 Uhr. Friedrich-Ebert-Straße 4      www.sperlgalerie.de

 

Schüler ehren ihre Lehrerin: Zum 75. Geburtstag von Gudrun Brüne 

DSC00446Mit einem Spaziergang am Jungfernsee lässt sich der Besuch der Galerie KUNST-KONTOR verbinden. Und auch hier beginnt das Ausstellungsjahr hochkarätig. Die Grand Dame der Leipziger Schule, Gudrun Brüne, wird dort anlässlich ihres 75. Geburtstages bildkräftig gefeiert: mit eigenen Arbeiten und denen ihrer Schüler. Jahrzehntelang arbeitete die Jubilarin mit Bernhard Heisig zusammen: ihrem Partner im Leben und in der Kunst. Sie schuf ein völlig eigenständiges Werk und trat emanzipiert aus dem Bannkreis Heisigs, der 2011 starb, heraus.

Zwanzig Jahre, bis 1999, lehrte Gudrun Brüne an der Burg Giebichenstein. Drei Künstler, die der einstigen Dozentin bis heute verbunden sind, führt diese Ausstellung zusammen: Rainer Ehrt, den in Potsdam lebenden erfolgreichen Cartoonisten und begnadeten Maler, Grafiker und Bildhauer; Claudia Hauptmann, deren figurativen Kompositionen durch barocke Erzählfreude, Ironie und Hingabe an malerische Raffinesse faszinieren sowie Andreas Schiller, den „Apfelmaler“. Er beherrscht die altmeisterliche Lasurtechnik par excellence – so wie alle drei Brüne-Schüler selbstbewusst weitertragen, was ihnen ihre Lehrerin einst an künstlerischer Nahrung mit auf den Weg gab.

 Bis 1. Mai, Bertiniweg 1 A, Di und Mi 15 bis 19 Uhr, Do 15 bis 20 Uhr, Sa 13 bis 18 Uhr www.kunst-kontor-sehmsdorf.de

 

Theater des Fleisches

Pressebild_Grützke_VS_2016Und wer einmal längs vom KUNST-KONTOR kommend den Neuen Garten durchquert, gelangt am anderen Ende zur Villa Schöningen. Dort frohlockt der nackte Körper an all seinen Schattierungen: kurvenreich-erotisch, dann wieder ausgemergelt, von Alter und seelischer Not gezeichnet. Mehr als 30 Ölbilder und Pastelle des Berliner Malers Johannes Grützke (Jahrgang 1937) sind zu sehen: aus seiner Schule der neuen Prächtigkeit, die einen ironisch gebrochenen Realismus zeigt.

Wer nach dieser Entblätterung, den sexuellen Befreiungen und sexuellen Verkrampfungen, den ideologischen Verrenkungen und kollektiven Neurosen, eine Verschnaufpause braucht, kann hier auch gemütlich Kaffee trinken und danach gestärkt im Skulpturengarten weiter wandeln. Doch das ist schon wieder ein neues Kapitel im vielstimmigen Potsdamer Kunstreigen. (he)

Bis 19. Juni, Do bis So 10 bis 18 Uhr, Berliner Sr. 86 www.villa-schoeningen.org

 

 

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