Schildkrötensuppe statt Stockfisch

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Martina Gedeck kostete im Nikolaisaal die Gourmetnovelle „Babettes Fest“ genüsslich aus: Eine Lesung zwischen Pathos, Herzflimmern und Himmelslicht. / Foto: promo

Die zarten Streicherklänge des Orchesters malen eine taufrische Morgenwiese: frühlingswarm und sonnendurchwebt. Weichgepolstert nehmen wir Platz im Reich der Idylle – in den sanft fließenden Harmonien von Frederick Delius. Mit einem Grübchenlächeln betritt Martina Gedeck rot-schwarz gewandet die Bühne des Nikolaisaals. Sie greift die sanften Klänge der Musik auf und treibt sie literarisch weiter mit „Babettes Fest“.

Die ersten gelesenen Worte sind noch unsicher, eher hingehaucht. Ein kleines Lispeln schleicht sich ein. Doch bald spaziert die charismatische Schauspielerin beherzt Hand in Hand mit den beiden Schwestern Philippa und Martine durch deren asketischen Alltag. Wir sehen die blonden jungen Frauen aus der Novelle von Tania Blixen in ihrer Schönheit vor uns stehen: Wenn sie die Kirche betreten, verstummt die Gemeinde. Männer werden unruhig. Doch der liebe Gott weist den Schwestern den Weg in eine lebensernste Welt der Entsagung – frei von genussvollem Schwelgen. Liebesavancen verdorren im Hause des Pfarrers und seiner reizenden Töchter. Martina Gedeck lotet sie nuancenreich aus: die Stimmungen und Tempi, Sehnsüchte und seelischen Verrenkungen. Sie zeichnet sie nach, unterstreicht sie mit weich fließenden Händen, die aneinander reiben, schwungvoll die Luft zerteilen, sich in die Arme nehmen. Die Schauspielerin lässt den Zuhörern Zeit, ebenfalls Platz zu nehmen in dieser spartanischen Welt mit Stockfisch und Schwarzbrot und mit devotem Blick gen Himmel. Bis eines Tages ein Flüchtling an die Haustür klopft: eine üppig gebaute Frau, mit tief liegenden Augen, die wie tot auf der Schwelle niederfällt. Geflohen vor dem Bürgerkrieg in Frankreich – von den barmherzigen Schwestern in Norwegens Kargheit aufgenommen. Und so greift die Novelle in ihrer märchenhaften Attitüde ganz aktuell bis in unsere eigene Lebenswirklichkeit.

Aufgeschrieben wurde diese Geschichte von der Dänin Tania Blixen, deren aufregendes Leben wir in „Jenseits von Afrika“ mit Meryl Streep, Klaus Maria Brandauer und Robert Redford tränenreich verfolgten. Auch „Babettes Fest“ wurde ein Filmerfolg.

Zum Tag der Einheit im Nikolaisaal spult sich nun ein ganz eigener Film ab: in bester Melange zwischen der vom Staatsorchester Frankfurt pointiert aufgespielten Musik von Grieg, Sibelius und Bizet und den literarischen Eskapaden, die immer heiterer und forscher werden. Ja, es wird recht munter in der Enge des Hauses, das Babette durch einen Lotteriegewinn und ein Geburtstagsgelage französischer Art beseelt. Das Asylanten-Dienstmädchen ist nämlich in Wirklichkeit eine große Künstlerin: Starköchin von Paris – bis Kriegsgewalt ihr Küchenreich zerschoss. Nun lässt sie ihre große Gabe noch einmal leben – und Martina Gedeck kostet die reich gedeckte Tafel der Novellen-Worte genüsslich aus. Es wird ein bläserstarker Triumphzug, in der verdeckte Gefühle mit jedem Schluck Wein klarer nach oben schwappen. In einer romanzenhaften Träumerei zwischen klebrig-süßem Pathos und spritziger Heiterkeit, zwischen Herzflimmern und Gotteslicht. Und mit einer Martina Gedeck, die aus heiterem Himmel auch singend den richtigen Ton trifft. (he)

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