Zuckerbrot und Peitsche: Ibsens „Peer Gynt“ am Hans Otto Theater

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Rita Feldmeier und Alexander Finkenwirth als Mutter und Sohn in einer spannungsgeladenen Beziehung. Foto: HOT/ HL BÖhme

Es ist eine sehr lange Reise, auf die sich dieser Peer Gynt begibt. Und auch für die Zuschauer, die am Mittwochabend die Reihen im Hans Otto Theater gut füllen, dehnt sich die Zeit. Am Ende sehnt man fast den Tod dieses skrupellosen abgehalfterten Weltenbummlers herbei. In Erinnerung bleiben die vieldeutige Bühnenschräge mit dem schwarzen Loch von Wolfgang Menardi und die großartige Wandelbarkeit von Alexander Finkenwirth.

Wenn dieser junge Meister der subtilen Töne auf eine erfahrene und charismatische Schauspielerin wie Rita Feldmeier trifft, kann es nur funken. Sie, die Mutter – er, der Sohn: beide in einer abgründigen Hass-Liebe aneinander gekettet. Peer versucht nach seiner Flucht, die Ketten abzulegen und schleppt sie doch ein Leben lang mit sich herum. Dieser Tagträumer, der mit Verve buhlen und blenden kann und im Handumdrehen alles wieder auf die Müllkippe seelischer Verletzungen kippt, macht es schwer, ihn zu begreifen, in seinen Kern vorzudringen. Auch er selbst tut alles, um sich nicht zu nahe zu kommen, legt sich immer neue Masken zu. Lieber bereitet er anderen Schmerzen, als seine eigenen Verletzungen zu spüren. Er wird reich durch seine zwielichtigen Geschäfte, kauft sich Frauen und Freunde und bleibt doch der einsame Wolf.

Wenn Rita Feldmeier als Mutter Aase ihrem Sohn liebevoll die kaltgewordenen Füße streichelt und Wärme zuhaucht und ihm im nächsten Moment entgegen schleudert, dass sie ihn am liebsten nie geboren hätte, erzählt das in einer kleinen erschütternden Sequenz fast die ganze große Geschichte: Man spürt die Last, die die Mutter nach dem Tod ihres sich zu Tode gesoffenen Mannes trägt. Ungefiltert gibt sie ihre Unzufriedenheit weiter. Nein, sie möchte keinen Sohn, der sich durch den Tag träumt, er soll zupacken, sie unterstützen, die Armut lindern helfen. Und so gibt es Zuckerbrot und Peitsche. Doch Peer ist anders als gewünscht. Er gibt den Gernegroß, den Prahler, der auch zuschlagen kann.

Regisseur Alexander Nerlich hat die Rolle des Peer zweifach besetzt: Bernd Geiling spielt den Part des alten Gynt. Er verkörpert die Großmannssucht mit großer Geste, oft auch mit Pathos,  erreicht aber nicht die Intensität und Ausdruckskraft des fein auslotenden Alexander Finkenwirths. Am Ende dieses ideenreichen, im zweiten Teil aber zu ausufernden und wenig dramatischen Spielverlaufs gibt es viel Applaus.

Es empfiehlt sich, die vom Theater angebotene Einführung in die Inszenierung wahrzunehmen. Dramaturg Helge Hübner weiß sehr detailreich über die rund 160-jährige Rezeptionsgeschichte zu berichten, die viel auch über die verschiedenen gesellschaftlichen Systeme erzählt. So war „Peer Gynt“ das Lieblingsstück von Goebbels. (he)

Die nächste Aufführung ist am 29. Mai um 17 Uhr.

Weiteres unter www.hansottotheater.de

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