Zum Herz zerreißen: Der Film „24 Wochen“ ist von atemloser Kraft und Ehrlichkeit

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Noch im Thalia zu sehen: „24 Wochen“. Ein großer Film, der nichts ausspart. Foto: Neue Visionen

In diesen Film sollte keiner alleine gehen. Er hat so eine Wucht, dass man einfach die Nähe eines Freundes braucht, mit dem man auch anschließend das Unfassbare teilen kann. Eigentlich wollte ich mich um „24 Wochen“ drücken. Allein der Trailer zog mich schon runter. Doch dann fragte mich eine Freundin, ob ich sie begleiten würde. Ich ging mit. Und das war gut so. Dieser Film über die Frage, ob man ein behindertes und zudem herzkrankes Kind zur Welt bringt, ist so direkt, so ehrlich, so schonungslos, dass er noch Tage später in Kopf und Seele kreist. Und immer wieder zu dem Gedanken führt: Gott sei Dank, dass ich das nicht entscheiden muss!

In „24 Wochen“ geht es um Leben und Tod, um eine ganz individuelle Entscheidung, die so oder so richtig ist, weil sie einfach nicht anders getragen werden kann. Das macht diesen Film so groß. Es geht nicht um Bewertung oder gar Schuld. Es geht um die kaum auszuhaltende Schwere, sich für oder gegen die Geburt dieses besonderen Kindes auszusprechen. Es gibt kein Dazwischen, kein Zurück.

Der Film macht eine zweifache Fragestellung auf: Zuerst geht es „nur“ darum, sich zu einem „Downi“ zu bekennen, zu einem Kind mit einem Chromosomen zu wenig. Nach Einführung der Pränataldiagnostik (Nackentransparenzmessung) werden immer weniger von ihnen geboren. Doch hier in dem Film mit den so hervorragenden Schauspielern Julia Jentsch und Bjarne Mädel geht es auch um das Thema des technisch Möglichen und menschlich Vertretbaren. Heute können auch Babys mit zwei Löchern im Herzen überleben, wenn sie denn – wie im Film erzählt – schon nach der ersten Woche aufgesägt und operiert werden. Astrid, die schwangere Mutter in dem Film, die bereits eine gesunde Tochter geboren hat, sieht im Krankenhaus diese kleinen zarten Wesen mit den vielen Schläuchen im Körper unter der Glashaube liegen. Sie haben viel durchgemacht. Eine Operation folgt auf die andere. Will sie das ihrem Kind zumuten? Und wie viel erträgt sie selbst?

Ihr Mann Markus, der zugleich ihr Manager im Showgeschäft ist, will dieses Kind. Ohne Wenn und Aber. Astrid ist hin- und hergerissen, bis zur Erschöpfung. Es ist eine Zerreißprobe für die Familie, an der der Zuschauer atemlos teilnimmt. Fast dokumentarisch, ohne jedes Pathos, verbindet Regisseurin Anne Zohra Berrached Realität und Fiktion. Ärzte, Psychologen und die wunderbar einfühlsame Hebamme sind keine Schauspieler, sondern echtes Personal – so wie in Andreas Dresens Film „Halt auf freier Strecke“.

„24 Wochen“ ist vielschichtig und erspart dem Zuschauer nichts. Er will, er muss besprochen werden. Wir saßen noch lange bei heißem Tee und Kakao, um über all diese Fragen zu reden, die dieser Film aufwirft – schnörkellos, einfühlsam, mit bewegenden Bildern und großem Herz! (he)

Termine unter www.thalia-potsdam.de

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