„The Gate“: 300 Jahre Berliner Geschichte in 20 Minuten

Geschichte hautnah. „The Gate“ setzt schlaglichtartig und mit multimedialer Finesse auf Emotionen.

Schon beim Runtersteigen der Treppe dröhnt uns lauter Kanonendonner entgegen. Wir hören die piepsige Stimme von Walter Ulbricht: „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu bauen.“ Als wir schließlich durchs Drehkreuz den flachen dunklen Raum betreten, werden wir von der Bilderflut geradezu überschwemmt. Der Körper vibriert im „Kugelhagel“ dieser rasanten Erlebnisshow zwischen Schüssen, Scherben, Bomben, Feuer, Jubeltaumel. In nur 20 Minuten durcheilen wir 300 Jahre Geschichte und es gibt kein Entrinnen. Diese vor einem Jahr eröffnete multimediale Ausstellung „The Gate“ in den Räumen des früheren Kennedy-Museums neben der französischen Botschaft am Pariser Platz zieht hinein: mit kraftvollen Filmsequenzen, schnellen Schnitten, dröhnenden Elektrobeats. Wie in einem Fahrstuhl geht es hoch und runter – von Glanz zu Elend und wieder zurück: vom blutigen Schlachtfeld des Ersten Weltkriegs zu den Charleston-Klängen der 20er, vom Scheiterhaufen „entarteter“ Kunst zum Erstürmen der Mauer, vom lichten Ballett der Nachwende-Kräne in die schwüle Hitze der wiedervereinten Disconacht.

Die in Hufeisenform angebrachte „Leinwand“ ist über 30 Meter lang und besteht aus 87 HD-Bildschirmen. Dazu gibt es 38 Soundkanäle, die es ordentlich krachen lassen. Text gibt es kaum, nur ein paar knappe schriftliche Hinweise in Deutsch und Englisch. Der Kopf füllt die Fehlstellen. Der Sprint durch die Geschichte verläuft chronologisch und kreist immer wieder um das Brandenburger Tor.

Bevor die Nazis durch dieses Wahrzeichen Berlins mit Fackeln marschierten, raubte Napoleon die Quadriga – wie es eine witzige Animation zeigt. Nach dem Sieg über Frankreich 1871 sieht man den preußischen Regenten im Comicstil in der Quadriga sitzen.

Besonders eindrücklich sind die Bilder von der Reichspogromnacht und der Deportation der Juden. An den seitlichen Projektionsflächen fahren unentwegt Güterzüge, in der Mitte tauchen die Namen der Konzentrationslager auf. Dann sieht man das Bild des zerstörten Berlins, das an das heutige Aleppo erinnert.

Auch die Teilung der Stadt geht unter die Haut. Grenzanlagen, die beharkt werden. Hundegebell. Der Aufruf, stehenzubleiben. Schüsse.

Dieses Blättern durch die prallvolle Geschichte kratzt vieles nur an, setzt sich aber dennoch fest. Wir schauen uns die Filmschleife erneut an, nachdem wir auch durch den zweiten Raum gegangen sind. Dort kann man in klassischer musealer Präsenz Postkarten, Bilder und kurze Texte ganz in Ruhe auf sich wirken lassen. Im Zentrum thront hier eine Replik der Siegesgöttin, die im Original den Wagen der Quadriga auf dem Brandenburger Tor lenkt.

Bislang scheint diese gekonnt in Szene gesetzte Ausstellung noch nicht im Herzen der Stadt angekommen zu sein. Wir waren jedenfalls nur zu fünft in der Kellershow. Vor allem für Touristen und Schulklassen ist sie ein idealer Einstieg, um mit geweitetem Blick die Stadt zu durchwandern oder vielleicht Lust zu bekommen, noch ein anderes, zeitaufwändigeres Museum zu besuchen. Aber auch eifrige Museumsbesucher finden sicher an dieser ganz aufs Visuelle ausgerichteten Darstellung Gefallen, die so jung und modern den Sound der Geschichte spielt.

Spätestens wenn mein Enkel 10 ist, werde ich mich mit ihm gemeinsam noch einmal dieser Bilderflut aussetzen. Dann vielleicht mit Ohrstöpseln. he

The Gate, Pariser Platz 4, Mitte.
Täglich 10-20 Uhr, Eintritt zwölf, ermäßigt sieben Euro

Mehr Infos unter: www.thegate-berlin.de

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