Im Galopp durch ein blutrotes Jahrhundert: „Das achte Leben. Für Brilka“ am Hans Otto Theater

Die rote Fahne weht voran. Guido Lambrecht als überzeugter Militär in "Das achte Leben (Für Brilka)" von Nino Haratischwili Foto: Jauk

Diese Urlaubslektüre erwies sich in jeder Hinsicht als Schwergewicht. Als unser alter Koffer in Split vom Band rollte, zerfiel er in seine Einzelteile. Mittendrin der 1300-Seiten-Roman „Das achte Leben. Für Brilka“ von Nini Haratischwili. Natürlich rafften wir alles wieder ordentlich zusammen, schnürten notdürftig unser Ränzl und brachten es unversehrt in unsere Herberge.

Dieses Auseinanderbrechen erwies sich schließlich als Metapher für die literarische Kost, die mich 14 Tage in Atem hielt und das sonnige Kroatien mitunter in dunkle Gedankenwolken abdriften ließ. Ich las mich durch 100 Jahre russisch-georgische Geschichte, die sich blutrot durch die Familie Jaschi zog. Die Saga des Schokoladenfabrikanten beginnt 1900 in der Zarenzeit und endet nach dem Auflösen der Sowjetunion. Dazwischen Lug und Trug, Terror, Verrat und immer wieder Abschiede weinender Liebenden. Unter den vielen Schicksalen ist das von Kitty, die ihr Kind verliert: totgespritzt im Mutterleib. Schauder, Sprachlosigkeit. Was im Namen des großen kleinen Mannes, des skrupellosen Geheimdienstes, stattfindet, ist eben nicht nur literarische Erfindung, sondern die Ausgeburt des jahrzehntelang real praktizierten Stalinismus, des Fanatismus. Am Ende des Buches – und damit auch des Urlaubs – wurde ich dieser Lektüre fast überdrüssig. Zu viel der Schicksalsschwere, der vorhersehbaren Katastrophen.

Wie aber lassen sich diese komplexen Geschichts-und Familienstränge auf der Bühne durchschaubar machen? Konstanze Lauterbach nahm sich couragiert dieser Gleichung mit vielen Unbekannten an, löste sie auf beeindruckende, verdichtende Weise. Ich kam erst jetzt, Ende Oktober, dazu, mir ihre vielfarbige Inszenierung am Hans Otto Theater anzuschauen – und saß die gesamten vier Stunden gebannt vor dem rasanten Geschehen. Auch mein Mann, der das Buch nicht kannte, durchstieg die komplexe Personenaufstellung, in der die Schauspieler oft mehrere Rollen bekleiden. Ob Franziska Melzer, Rita Feldmeier, Tina Schorcht, Guido Lamprecht oder Arne Lenk – sie alle schrieben ihren Figuren sehr authentische Züge ein. Da war nichts Schablonenhaftes, keine aufgesetzten Klischees: Der Zuschauer leidet mit Stasia, Kitty, Christine, Andro und wie sie alle heißen: diese verzweifelten Sucher des kleinen Lebensglücks, das ihnen immer wieder brutal genommen wird. Konstanze Lauterbach schafft aber kein gefühlsduseliges Melodram, sondern durchbricht immer wieder mit grotesker Forschheit und revueartiger Finesse die Seelenschwere.

Feiern bis in den Abgrund. Foto: Thomas M. Jauk

Alina Wolf als Niza, Ururenkelin des georgischen Schokoladenfabrikanten, führt in ihren Blicken zurück moderierend durch dieses aufgewühlte Jahrhundert, durch ihrer Familiengeschichte, in der so vieles verschwiegen wurde und in der sich die Verlockungen der Sowjetmacht als folgenschweres Trauma erwies: So wie die süchtig machende heiße Schokolade – das Geheimrezept der Jaschis.

Sie war sehr gut besucht die Sonntagsvorstellung – und in der Pause diskutierten die Zuschauer angeregt über dieses nun auch theatrale Schwergewicht. Viele erinnern sich an das eigene Leben: an das große Schweigen in der DDR über Stalins Willkür und an die politische Verbrechen im eigenen Reich der Lüge.

Das HOT zeigt in diesem bildstarken Kaleidoskop, wie tiefgehend politische Verhältnisse die privaten prägen. Und wie sich das große Schweigen bleiern auf das kleine Leben legt. he

Wieder zu sehen am 10. November um 17 Uhr, am 30. November, 7. und 27. Dezember, jeweils um 18 Uhr. Karten unter www.hansottotheater.de

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