Das Wunder in uns selbst. 150 Kilometer auf dem Jakobsweg: mit wunden Füßen und Nachrichtenfasten

Der Fuß wirft Blasen, die Oberschenkel sind hart wie Beton, der Rücken droht auseinanderzubrechen: Und noch immer ist der Kirchturm nicht in Sicht. Der Regen hat uns auf offenem Feld eingeholt, der Himmel droht mit unheilvollem Donnergrollen. Wenn es jetzt auch noch blitzt, müssen wir uns in die Feldfurche kauern. Doch plötzlich hat der Wettergott ein Einsehen mit uns arme Pilgerseelen und stimmt heitere Töne an. Die dunklen Wolken lösen sich auf, wir schlurfen mit pitschenassen Wanderschuhen, die eigentlich nach Herstellerangaben regenfest sind, weiter durch das Rhinluch. Sechs Tage durchqueren wir auf dem Jakobsweg das Havelland. An der Bushaltestelle Kirche Bötzow setzen wir Montag früh ein, an der Wunderblutkirche Bad Wilsnack verlassen wir nach 158 Kilometern wieder den historischen Pfad. Die innere Stimme jauchzt, fühlt sich jung und stark. Ja, wir haben es geschafft: trotz nicht versiegender Schmerzwellen, Regen allerorten, Unterkünften, die nicht immer halten, was sie telefonisch versprechen. Auch das gehört zu dieser so besonderen Auszeit: sich überwinden, Widrigkeiten trotzen, nicht aufgeben.→ weiterlesen

Wenn die Propagandamaschine läuft. „Von Luther zu Twitter“ im Deutschen Historischen Museum Berlin

Wie aus einer Bilderfabrik wirkt die Respekt gebietende Fülle von Luther-Porträts. Sie stammen von verschiedenen Künstlern und sind auf einer Wand in der Sonderausstellung „Von Luther zu Twitter“ im Deutschen Historischen Museum Berlin vereint. Anhand von rund 200 Objekten aus Deutschland, Österreich, Spanien, Großbritannien und China wollen die Kuratoren Melanie Lyon und Harald Welzer die wechselnden Möglichkeiten politischer Information, der Propaganda sowie der Manipulation sichtbar machen.→ weiterlesen

Das Poetenpack trumpft im wiedereröffneten Schlosstheater mit Goethes Faust tänzerisch auf

Der Kronleuchter funkelt, die Putten strahlen, die Säulen glänzen: Es ist ein wahrliches Fest. Nach sieben Jahren Aufpolieren meldet sich das Schlosstheater leuchtend-schön zurück. Beim Hochgehen der breiten Steintreppe in den zweiten Rang bin ich etwas aufgeregt, schließlich steigen auch viele Erinnerungen mit hoch: an Burleskes, Dramatisches, Musikalisches quer durch die Weltliteratur, die ich hier über die Bühne gehen sah. Und heute nun: Goethes „Faust“.

Glanzvoll. Das Schlosstheater spielt nach sieben Jahren wieder mit. Foto: he

Zur Wiedereröffnung des barocken Kleinods gibt sich das Poetenpack die Ehre, nachdem die Musikfestspiele coronabedingt außen vor bleiben mussten. Und die freie Gruppe aus Potsdam macht aus dieser geadelten Herausforderung im königlichen Rund  durchaus ein kurzweiliges Erlebnis. Es ist ein musikalisch-tänzerischer und zugleich konzentrierter Ritt durch das Leben des „freudlosen Verderbensbringers“.

→ weiterlesen

Wie bleibe ich Mensch in unmenschlichen Zeiten? Szczepan Twardoch stellt seinen Roman „Das schwarze Königreich“ im Kunstraum vor

Wie wird ein Mensch zu dem, was er ist? Wird er Opfer oder Henker, Gefallener oder Retter? Ist er fähig, seine Würde zu bewahren, wenn der Tod allgegenwärtig ist? Der polnische Autor Szczepan Twardoch (Jahrgang 1979), der am Freitag im Kunstraum Potsdam zu Gast ist, zeichnet in wenigen Strichen ein Kaleidoskop von Biografien, die auch die dunkelsten Abgründe kraftvoll ausleuchten. In seinem rasant geschriebenen Roman „Das schwarze Königreich“ erzählt er über den Krieg, über Warschau nach dem deutschen Angriff 1939. Er stellt sie in ein gleißendes Licht: die Nachtungeheuer, die Überlebenden, beleuchtet, warum sie saufen, huren, schlagen – und auch schießen. Oder sich verwehren.→ weiterlesen