„Warschau 44“ als bluttriefendes Kriegsdrama und in einer erhellenden Dokumentation

ZDF/Ola Grochowska
Foto: Szene aus „Warschau 44″/ZDF/Ola Grochowska

Es regnet Blut, Leichenteile fliegen durch die Luft. Bilder der Gewalt überfluten den Zuschauer. Das Kriegsdrama „Warschau 44“, das am späten Sonntagabend im ZDF ausgestrahlt wurde, schenkt dem Zuschauer nichts. Es ist ein Gemetzel, das an Brutalität kaum zu übertreffen ist.

Der polnische Regisseur Regisseur Jan Komasa fängt den Warschauer Aufstand vom 1. August 1944 in seiner kaum fassbaren erschreckenden Brutalität authentisch ein – und doch schaut man mit Distanz auf das Geschehen. Es nimmt einem den Atem, stößt ab angesichts dieses fassungslosen blindwütigen Mordens, in dem David gegen Goliath kämpft: die schlecht bewaffneten polnischen Untergrundkämpfer gegen die deutschen Besatzer. Wir sehen junge Leute, die trotz Leiden und Sterben die Hoffnung auf die Liebe und das Leben nicht aufgeben. Doch die Hauptfiguren bleiben entrückt in der perfekt gebauten Kulisse der zerbombten Ruinen und Luftschutzbunker. Pathos übertüncht die leisen Töne. Berührender als jene Szenen, in denen Menschenleiber zuhauf von Kugeln durchsiebt oder von Granaten zerfetzt werden, ist der Moment, als die Hauptfigur Stefan (Józef Pawlowski) mit ansehen muss, wie seine Mutter und sein kleiner Bruder von den deutschen Besatzern ohne jede menschliche Regung ermordet werden. Stefan verharrt in seinem Versteck, hilflos, erstarrt, die Tränen laufen lautlos über das schmerzverzerrte Gesicht. Sein Leid wird fühlbar. Geradezu fehlplatziert wirken indes die Zeitlupenstudien, so wenn Stefan inmitten der Kampfhandlungen sein Mädchen küsst und aus der Düsternis rosarote Wolken steigen.

Die Dreiecksbeziehung bricht dieses Drama auf ein menschliches Maß herunter, auf die Sehnsucht nach Liebe, die sich nicht zerbomben lässt. Aber die Emotionalität und erotische Kraft verblasst in diesem bluttriefenden, zu schablonenhaft inszenierten Epos.

Die anschließend gezeigte Dokumentation, in der Zeitzeugen über ihre Erinnerungen sprechen, ist eindringlicher und beschreibt aus verschiedenen Perspektiven diesen Aufbäumen der schlecht bewaffneten polnischen Kämpfer gegen die skrupellosen deutschen „Hundefänger“, den Mut der Verzweiflung. Sie motivierten sich mit ihrem Stolz: „Lieber im Stehen sterben als auf Knien leben“. Die Doku zeigt auch, wie Nazipropaganda den Hass der deutschen Soldaten schürte, die sich als Herrenmenschen aufschwangen und in den Polen nur niedere minderwertige Kreaturen sahen. Eine Frau namens Wanda berichtet wiederum, wie sie als junge Untergrundkämpferin das erste Mal mit einer Waffe in der Hand auf einen deutschen Soldaten traf, nicht viel älter als sie: „Wir sahen uns erschrocken an – und schossen beide nicht.“ Eine Ausnahme, aber doch geschehen.

In diesem Moment denkt man an den deutschen Mehrteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“, der ebenfalls die Kriegsereignisse aus Sicht junger Menschen erzählte: in dem Fall aus der Täter-Perspektive. In dem er das Große, Unfassbare auf das kleine, ganz individuelle Leben runterbrach, rückte er den Protagonisten viel näher in ihrer Verführbarkeit, Zerrissenheit und Resignation. (he)

Die 44-minütige, sehr sehenswerte Dokumentation über den Warschauer Aufstand „Warschau 44“ ist in der ZDF-Mediathek zu sehen: https://webapp.zdf.de/page/beitrag?aID=2454298&cID=496

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