Schillernd und federleicht: Joseph Roths „Legende vom Heiligen Trinker“ bis Sonntag in der fabrik

Zwischen Lust und Last: Die Legende vom Heiligen Trinker/Foto: Jean-Pierre Estournet

Die Schauspieler und vor allem die Zuschauer haben Glück. Noch auf den letzten Metern können sie sich an Joseph Roths Legende vom Heiligen Trinker erfreuen. Die in Werder beheimatete Wandertruppe Ton und Kirschen zeigt vor coronakonformen Sitzreihen noch bis Sonntag in der fabrik ihre heiter-luftige Inszenierung um den Pariser Clochard Andreas, bevor sich die Kunst wieder einigeln muss.

Zu sehen ist Theater in seiner schönsten Ausformung: federleicht und gedankentief. Es ist die letzte Geschichte von Joseph Roth, der selbst dem Alkohol verfallen war und 44-jährig starb. Der von den Nazis verfemte jüdische Autor schrieb sie 1939: Tag für Tag in  Pariser Cafés, das Glas Pernod immer sicher zur Hand. Entstanden ist eine melancholische Wundergeschichte, die er selbst als sein Testament bezeichnete. So wie seine Hauptfigur war auch Joseph Roth ein Wanderer zwischen den Welten, der nie an seinem Exilort Fuß fasste.

Das sich schon oft und tief ins Theatergedächtnis eingeschriebene Künstlerpaar Margarete Biereye und David Johnston greift den Grundton der Novelle feinfühlig auf und bringt ihn vielfach zum Schwingen. Der aus Wales stammende Schauspieler Rob Wyn Jones, der schlaksig den verwahrlosten, aber durchaus eine Restwürde bewahrenden Heiligen Trinker spielt, hat die Sympathie des Publikums. Natürlich hofft man, dass er die zweihundert Francs, die er von einem vornehmen Herrn erhalten hat, wirklich zurückgibt, wenn es ihm wieder besser geht. Er soll sie dann der heiligen Therese von Lisieux stiften. Und natürlich möchte er das Geld zurückgeben. Versprochen ist schließlich versprochen. „Ich habe eine Ehre“, betont er immer wieder. Aber dann taucht wie aus dem Nichts irgendwo am Wegesrand doch wieder ein Café auf, frohlockt zur fröhlichen Einkehr. Nur schnell noch ein Schnäpschen. Und schwupps ist die Kirche wieder geschlossen. So wie der Pernot durch seine Kehle läuft, rinnt auch das Leben durch seine Finger.

Und noch ein Schnäpschen!

Der unverhoffte „Reichtum“ könnte alles ändern, treibt ihn sogar zum Friseur, wo er im Spiegelbild der Verwahrlosung direkt ins Auge schaut.  Das Lebenskarussell dreht sich rasant weiter, und die Bühne findet dafür wunderbare Bilder. Ein hohes dreiteiliges Gitter öffnet sich immer wieder zu neuen Spielorten: Da ist das spartanische Kreuz in der Kirche, das rotflackernde Licht des Tempels der Lust, das noble Bett im Hotel, in das ihn sein berühmt gewordener Freund aus alten Schultagen für kurze Zeit unterbringt.

Die Magie des Abends besteht in seiner Melange aus Slapstick, Musik, Akrobatik, Puppenspiel und immer wieder einer fantasievollen Zauberei. Und doch ist diese ideenreiche Inszenierung auch geerdet, reflektiert auf einfache Weise über Themen wie Gewissen, Verführbarkeit, Besitz und Anstand. Und   die Wut über die Coronaregeln bleibt auch nicht außen vor.

Es ist kurzweilig und immer wieder überraschend, wie sich die sieben Darsteller in Windeseile in neue Figuren verwandeln und ihnen Charakter und Statur geben. Noch gibt es für die heutige und morgige Vorstellung Karten. Ein schillernd-schwebender Schlussakkord, bevor das Theaterlicht erlischt. Hoffentlich nur für kurze Zeit. Aber allein schon der Gedanke, dass das Festival Unidram ausfällt, das Dienstag beginnen sollte, stimmt traurig. he

Weitere Vorstellungen am Freitag und Samstag, jeweils um 20 Uhr, Sonntag um 16 Uhr, in der fabrik, Schiffbauergasse. Karten kosten an der Abendkasse 21 € / erm. 9 €.

www.fabrikpotsdam.de

 

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.