Für intensive Lesestunden: Grit Poppes Stasi-Jugenddrama „Verraten“ und Alexander Kühnes Nachwenderoman „Kummer im Westen“

Von der Provinz in die Großstadt: Autor Alexander Kühne. Foto: Random House/Erik Weiss

Meine Ausgehwunschliste für den November war lang: Aufführungen von Unidram, Maria Stuart im Hans Otto Theater, ein Konzert der KAP im Schlosstheater …. Aus all den erwartungsfrohen Ereignissen wird nun nichts. Gestrichen. Verschoben. Das tut weh. Zum Glück konnte ich noch Karten für das verstörend großartige Kammerspiel „Schwesterlein“ mit Lars Eidinger und Nina Hoss im Thalia erwischen. Dass es wirklich Sinn macht, die bestens präparierten, coronakonformen Einrichtungen zu schließen, wage ich zu bezweifeln. Aber die steigenden Krankheitszahlen beunruhigen natürlich auch mich. Nun also hat die Literatur wieder die Kulturhoheit. Die Freude am Lesen auf der Couch kann mir auch kein Virus verderben. Also erzähle ich hier etwas über meine zwei letzten Bücher, die ich gerade ausgelesen und empfehlen kann: das aufwühlende Stasi-Jugenddrama „Verraten“ von der Potsdamer Schriftstellerin Grit Poppe und die bitter-fröhliche Nachwendegeschichte „Kummer in Westen“ von dem brandenburgischen Autor Alexander Kühne. Der wollte am 11. November seine unterhaltsame Lektüre selbst vorstellen: bei einer Lesung im Waschhaus. Die wurde nun auf Februar 2021 verlegt. Aber es lohnt sich auch zu Hause, seinem eingängig heiteren, atmosphärisch dichten Sound zu lauschen – und sich an den eigenen November vor 31 Jahren zu erinnern.

Grit Poppes Roman zieht indes das Herz zusammen. Er erzählt von dem 16-jährigen Sebastian, der nach dem Tod seiner Mutter in ein Heim gesteckt wird: ins Durchgangslager Bad Freienwalde. Als ihn eine Fürsorgerin dort abliefert, schauen ihm hinter vergitterten Fenstern blasse Kindergesichter entgegen. Manche erst fünf, sechs Jahre alt. Sebastian hatte noch nie so traurige Kinder gesehen. Grit Poppe beschreibt den Alltag, die Pein, den Zwang, die Drangsalierungen in diesem Kinderknast. Und die Erpressung: Denn die Drohung mit Torgau, dem Jugendwerkhof, der nächsten Hölle, die folgen könnte, wenn jemand nicht pariert, liegt wie ein noch dunklerer Schatten über alle.

Sie gibt Missbrauchten eine Stimme: die Potsdamer Autorin Grit Poppe. Foto: Dressler Verlag/ Jörg Schwalfenberg

Sebastian hat Glück im Unglück. Sein Vater, den er kaum kennt, holt ihn nach Hause. Der Preis: Sebastian soll ihn im Auftrag der Stasi ausspionieren. Denn sein Vater war wegen politischer Betätigung im Gefängnis und gilt noch immer als Staatsfeind. Er hatte Flugblätter der polnischen Gewerkschaft Solidarnosc verteilt. Der Leichenwagen, mit dem der auf dem Friedhof arbeitende Vater seinen Sohn in Bad Freienwalde abholt, wird zugleich zum Fluchtfahrzeug von Katja. Dieses Mädchen probiert es immer wieder, dem Weggesperrtsein zu entkommen. „Verraten“ beschreibt sehr einfühlsam die Stärke dieser Katja und die Ängste von dem heranwachsenden Sebastian, der gerade erst den Tod der Mutter verkraften musste. Der Junge lässt sich auf die Stasi ein – und gerät in einen tiefen seelischen Strudel. Sein Führungsoffizier weiß sehr geschickt, ihn auszuhorchen, ihn auf andere Personen anzusetzen. DDR-Stasi-Minister Erich Mielke hatte diesen Offizieren eingeimpft, den jugendlichen IM „unter die Haut zu kriechen und ins Herz zu blicken, damit wir zuverlässig wissen, wer sie sind und wo sie stehen“, hieß es in einer damals vertraulichen Verschlusssache.

Grit Poppe, die sich intensiv in ihren vorangegangenen Büchern mit dem Thema Jugendwerkhöfe in der DDR beschäftigte und den bis heute schwer traumatisierten Menschen eine Stimme gab, hat in „Verraten“ nun die Gefühle, Scham und Ängste der von der Staatssicherheit missbrauchten Kinder in eine spannungsgeladene Geschichte gegossen. Sie fand auch einen Zeitzeugen, der 15-jährig als IM angeworben wurde und darüber in einem Interview im Anhang des Romans berichtet. Christian Ahnsehl beschreibt, wie die Stasi damals ein Vertrauensverhältnis schuf, um seine Hemmungen abzubauen.

Die Minderjährigen, die vom Ministerium für Staatssicherheit als IMs missbraucht wurden, gelten heute als Opfer des SED-Regimes. Wie viele Teenager sich in dieses Netz verstrickt haben, ist nicht bekannt. „Ich kenne ja nun etliche Geschichten von Leuten, die Ähnliches wie ich erlebt haben und sich immer noch nicht trauen, darüber zu sprechen, weil sie sich bis heute dafür schämen und weil ihnen bis heute nicht klar ist, dass sie damals missbraucht wurden!“, so Ahnsehl. Er selbst schrieb darüber seinen Roman „Der Ofensetzer“.

Grit Poppes Buch „Verraten“ ist vielschichtig. Es ein Zeitdokument, aber auch eine einfühlsame, sehr gut lesbare Geschichte für Jugendliche ab 14 Jahren über Familie, Verrat und Vertrauen und über die erste Liebe.

 

Erschienen im Dressler Verlag Hamburg, mit einem Zeitzeugenbericht im Anhang, erhältlich für 12 Euro.

Auch Unterrichtsmaterial zum Downloaden stellt die Schriftstellerin zur Verfügung.

 

Und was erzählt uns Alexander Kühne in „Kummer im Westen“?

Es ist wie eine Slapsticknummer: Anton, der Ossi, will am Tag 1 nach dem Mauerfall in den Supermarkt. Doch wo sind hier mitten in Schöneberg die Einkaufskörbe, die es sogar in jedem Konsum gibt? Anton sieht nur Rollwagen. Und ein Drehkreuz. Durch das muss er offensichtlich durch. Wie soll er sonst mit seinen gerade erhaltenen 100 DM Begrüßungsgeld an die Fleischtöpfe kommen? In seiner Ratlosigkeit springt er schließlich übers Kreuz, versucht auch den Wagen drüber zu hieven. Und verkeilt ihn. Der Spott folgt auf dem Fuße. Und für den Leser der Wiedererkennungseffekt. Anton ist weiß Gott nicht der Einzige, der die orangefarbenen Zapfen aus Plastik neben dem Drehkreuz übersehen hat. Und dem die spöttischen Bemerkungen der westdeutschen Brüder und Schwestern, wie „Die haben wir jetzt alle am Halse“, bitter aufstoßen. Es folgen noch viele Haken und Fallstricke, in die Anton Kummer tappt. „Kummer im Westen“, das neue Buch von Alexander Kühne, lässt sie wieder auferstehen. Es erinnert uns sehr lebendig an unsere ersten wackligen Schritte auf fremden Parkett, an die Blessuren auf der empfindsamen ostdeutschen Haut.

Anton war bereits der Held in Alexander Kühnes erstem Buch „Düsterbusch City Lights“. Damals erzählte der in Brandenburg aufgewachsene Autor in überbordend farbiger und sehr heiterer Ausmalung über ein verschlafenes Provinznest im tiefsten Osten, das sich zum wilden Szenetreff mauserte. Dieser unerschrockene Anton, ein Jünger David Bowies, holte trotz aller Beschattung und Verbote Bands der Punk- und New-Wave-Szene in die Dorfkneipe – und wurde dafür von den Insidern gefeiert. Ein schräges  Lesevergnügen im lässigen Lederjacken-Look.

In „Kummer im Westen“ spannt Alexander Kühne in dem selben unverkrampft witzigen Erzählton den Bogen nun weiter. Der unerschrockene Anton erobert sich die Welt seiner freiheitsliebenden Träume. Mit Politisieren, mit Botschaften vom Klassenkampf, hatte er nie etwas am Hut. Für ihn zählte nur Sound und Gefühl. Davon aber jede Menge. Das ist das Leben von Anton Kummer. Immer auf der Überholspur, anecken – wenn es sein muss.

Das scheint sich auch in der großen Freiheit nicht zu ändern. Antons idealisiertes Bild bekommt sehr schnell erste Kratzer. Das neue aufregende Leben, das er sich so schillernd ausgemalt hat, will ihn nicht. Er wird schneller ausgespuckt, als er die unbekannte Westberliner Luft einatmen kann. Sein Job als Zeitungsausträger ist eine kurze erfolglose Episode. „Ich war ein verlorener, todtrauriger, desillusionierter Provinz-Popper inmitten von diskursorientierten harten Großstadtmenschen. Ohne Fick und ohne Freunde.“

Und so zieht er mit hängendem Kopf wieder zurück: nach Düsterbusch. Doch auch da verändert sich alles in atemloser Schnelle und gerät in Schieflage. Sein Vater wird arbeitslos, seine Mutter muss um ihre Rente bangen. Alexander Kühne erzählt diese Geschichte von starken Frauen, verbiesterten Männern, von Glückssuchern, Konsumfreaks und Konsumverweigerern und den aus ihren Ecken kriechenden dumpfbackig um sich schlagenden Skins in detailreicher Ausschmückung, jenseits grober Klischees. Er weiß, wovon er in unterhaltsamer Art schreibt, gern auch mal etwas grobschlächtig mit „unterirdischen Sexsprüchen“, wie seine Freundin Irina treffend bemerkt.

In einem Interview sagte Alexander Kühne: „Ich musste mich mein ganzes Leben lang erklären, auch heute noch. Da war anfangs im Westen auch wenig Bereitschaft, unsere Lebenswege als etwas Besonderes zu erachten. Die DDR wurde auf Puhdys und Skurriles reduziert.“ In seinem Buch beschreibt er ganz individuelle Lebenswege, zeigt, wie sich Anton sein Improvisationstalent auch nach der Wende bewahrt, sich durchboxt – und trotz etwas  schlechtem Gewissen schlechte Raubkopien westdeutscher Bandikonen an ostdeutsche Plattenläden verkauft. Antons Erschaffer Alexander Kühne gesteht freimütig: „Ich fand nie ein Gleichgewicht, ich bin immer noch maßlos und für ein paar Schuhe würde ich heute noch sämtliche Überzeugungen verraten.“ Nein, dieser Autor, der wohl viele Züge seines Antons in sich trägt, mimt nicht den Gut-Menschen. Er beschreibt einen Glückssucher, der seine ganz eigenen Türen öffnet, und der neue findet, wenn welche vor seiner Nase unsanft zuknallen. he

Alexander Kühnes Lesung vom 11. November ist coronabedingt verlegt worden auf den 18. Februar 2021: um 20 Uhr in der Waschhaus-Arena, Schiffbauergasse. Eintrittskarten kostet 12 Euro, bereits gekaufte behalten ihre Gültigkeit.

Mehr Infos und Tickets gibt es hier.

„Kummer im Westen“ ist im Heyne Hardcore Verlag erschienen und kostet 16 Euro.

Hier eine Hörprobe aus dem Buch: https://www.randomhouse.de/Autor/Alexander-Kuehne/p574939.rhd

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