Skizze eines Sommers – eine Zeitreise ins Potsdam der 1980er Jahre

André Kubiczeks Roman spielt unter anderem an Orten, die es heute nicht mehr gibt (Foto. S. Jäger)

Es ist ein langer und heißer Sommer, der sich langsam dem Ende neigt. Welches Buch hast du dieses Jahr im Urlaub verschlungen? Meine Ferien in Mecklenburg-Vorpommern wurden durch „Skizze eines Sommers“ von André Kubiczek abgerundet – ein Coming of Age-Roman, der mich von eigenen Jugendtagen träumen ließ, und außerdem ein Potsdam beschreibt, das ich so nie erlebte. Im Juli 1985 wurde ich in Potsdam geboren. Für Kubiczeks Protagonist René ein ganz besonderer Sommer.

Sein Vater reist für zwei Monate in die Schweiz und lässt ihm Tausend Mark da. Renés Mutter ist vor einigen Jahren gestorben. Gemeinsam mit seinen Freunden verlebt der 16-Jährige zwei Monate, wie es sie nie wieder geben wird. Ein Karussell der Gefühle mit alkoholreichen Partys, der ersten großen Liebe und der Suche nach Sich-Selbst. Zuhause ist René in einer „Platte“ am Stern. Die Ecke ist mir fremd. Nie wusste ich, wo der Schlaatz anfängt, der Stern aufhört und sich Drewitz anschließt. Ich hatte keine Freunde, die dort wohnten und irgendwie fand ich es eher befremdlich, wenn ich doch mal durch die Viertel fuhr und mir vorstellte, wie viele Menschen in diesen riesigen Häusern, die für mich alle gleich aussahen, zuhause waren. André Kubiczek, selbst in Potsdam geboren, schafft es, seinen Kiez bzw. den seiner Protagonisten in ein anderes Licht zu rücken, ohne dass er ihn beschönigt. Seine Romanfiguren hauchen den grauen Platten Leben ein – wenn sie am Johannes-Kepler-Platz vor der Kaufhalle hocken und Baudelaire lesen, mittwochs ins Orion zum Tanzen gehen, oder einfach nur auf dem Balkon abhängen.

André Kubiczek hat ein Buch über das Erwachsenwerden geschrieben, das man verschlingt, weil es voller Gefühle steckt, leicht und schwermütig zugleich ist, aber auch, weil es Orte in Potsdam beschreibt, die es heute gar nicht mehr oder zumindest nicht mehr in dieser Form gibt. Dazu gehört nicht nur das Orion, das heute Rewe heißt, sondern auch das Café Heider, in dem sich Potsdams Intellektuellen zum geistreichen Austausch trafen oder der Staudenhof, wo man im Exquisit schicke Hemden kaufen konnte.

Damit kreisen die Gedanken nach der Lektüre dieses Buches auch unweigerlich um ein Thema, das Potsdam heute spaltet. Wie geht man mit DDR-Architektur um, wo darf Geschichte im Stadtbild sichtbar sein, welche Zeit möchte man lieber ersetzen? Auf der Facebook-Seite von André Kubiczek finde ich ein Bild vom Alten Markt. Da steht die Fachhochschule noch. Unter dem Foto ist in einem Kommentar zu lesen: „Lieber André, schreibe weiter so tolle Romane, die in Potsdam spielen. Die halten länger als Gebäude.“ Und auch ich bin dankbar für diese Skizze eines Sommers, die Zeitreise in ein Potsdam meiner Geburt.   (so)

„Skizze eines Sommers“ erschien 2016 und stand auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. 

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