Über grausame Mahlzeiten und Liebesgezwitscher: Hanns-Josef Ortheil und Denis Scheck bei LIT:potsdam

Kultur am lauschigen Ort: Das Gartenreich der Villa Jacobs lädt zu Lesung, Wein und Gesellgkeit ein. Foto: LIT:potsdam

Wir haben die Decke abgewählt und uns für einen Sitzplatz entschieden. Auch für bewegte Frauen, die wöchentlich Bauch, Beine und Po tapfer malträtieren, lässt sich eine gewisse Abnutzung nicht leugnen. Also setzen wir uns am 7. Juli bequem auf einen Stuhl, lehnen uns samt unserer Trainerin Sybille entspannt zurück und lauschen im Gartenreich der Villa Jacobs den wohlfeilen Sätzen des Schriftstellers Hanns-Josef Ortheil. Diese Lesungen während des Festivals LIT:potsdam in der Weite des historischen Parks mit dem traumhaften Blick auf den Jungfernsee stehen inzwischen jedes Jahr auf unserem Kulturplan.
Von Ortheil kenne ich bislang nur seinen feinnervigen Sizilien-Roman „Das Kind, das nicht fragte“. Gern bin ich der Hauptfigur, dem Ethnologen Benjamin Merz, in das südländische Dorf Mandlica gefolgt, ließ mich becircen von diesem „Gedankenleser“ und „Magier des Fragens“, der mit nobler Zurückhaltung charmant aus sich heraustritt. Er, der sich als Kind von seinen vier viel älteren Brüdern an den Rand gedrückt fühlte, genießt nun in der Mitte seines Lebens die wohltuende Anerkennung in der Dorfgemeinschaft. Nach und nach befreit er sich von den unsichtbaren Schnüren seiner wortlosen Kindheit. Und in Gestalt von Paula gesellt sich noch eine späte Liebe dazu.
Eine Freundin empfahl mir zudem begeistert, unbedingt vor Ortheils Gastspiel in Potsdam seine „Erfindung des Lebens“ zu lesen. Das werde ich wohl nicht mehr schaffen. Stattdessen hörte ich in sein Buch „Was ich liebe – und was nicht“ hinein – und erfreute mich an der sympathisch weichen, etwas breiten Stimme des Kölners, mit der der 66-Jährige den ganz normalen Alltäglichkeiten ihren grauen Kittel sanft entreißt. Er denkt in ironisch-pointierten Anekdoten über das Lesen, Reisen, Essen, Fernsehen oder den Garten nach. Über muffig-überfüllte Frühstücksräume in Hotels zum Beispiel, mit „der grausamsten Mahlzeit, der ich, wann immer es möglich ist, aus dem Weg gehe“ oder über die orchestrale liebeszwitschernde Vogelmusik frühmorgens im Garten.
Auch wir werden in der Villa Jacobs der Vogelmusik lauschen: der in Ortheils Literatur, und sicher der ganz realen – als abendlicher Begleitmusik. Trotz des Stuhls ist es wohl nicht nur ein genüssliches Zurücklehnen, auf das wir uns da einlassen. Dafür gibt es zu viele Ecken und Kanten, an denen wir uns dank des hintersinnigen Autors stoßen können. Und mit dem unerschrockenen Literaturkritiker Denis Scheck an seiner Seite ist ein Knistern der Gedanken und ein scharfzüngiges Gerangel der Wortakrobaten vorprogrammiert.
Eine gute Botschaft zum Schluss: Es gibt noch Karten! Für einen Stuhl bezahlt man allerdings 5 Euro mehr als für das Lümmeln auf der Decke. Doch dafür kommt man hinterher wieder problemlos hoch. (he)

„Was ich liebe – und was nicht“
Hanns-Josef Ortheil, Denis Scheck: Lesung und Gespräch
19 Uhr | Park der Villa Jacobs | Karten 15 €, ermäßigt 12 € und Platz auf eigener Decke 10 €
Festivalbesucher sind eingeladen, vor und nach der Veranstaltung bei einem Getränk, Imbiss oder mitgebrachtem Picknick den historischen Park und die Aussicht auf den Jungfernsee zu genießen. Die Bar ist ab 17 Uhr geöffnet.

LIT:potsdam vom 5. bis 9. Juli: Karten und weitere Informationen zum Festival unter www.litpotsdam.de

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