Wenn das Leben langsam wird

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Beine hoch und abtauchen…

Geduld. Das ist mein Zauberwort der Stunde. Nein der Wochen. Seit Anfang Juli liege ich bevorzugt auf der Couch – das linke Bein bandagiert auf der Lehne. Es muss heilen. Und dazu braucht es Zeit und Ruhe. Inzwischen fühle ich fast eine Schockstarre. Das Leben gleitet an mir vorüber und ich wiederhole mantramäßig: Nicht so schlimm. Das kannst du alles nachholen. Dennoch kribbelts vom Zeh bis in die Haarwurzeln. Wandern im Harz? – Ausgefallen! Fahrradtour nach Rathenow? Verschoben! Sportwochenende am Salzhaff Pepelow? Die Freunde tanzten ohne mich im „Zappelbunker“.

Dafür lese ich. Und lese … Der Stapel geborgter Bücher, die ich seit Monaten am Bettrand horte, ist aufgebraucht.

Der Literaturgeschmack meiner Freundin, die seit Jahren in einem Lesekreis diskutiert, bestimmt gerade weitgehend mein Leben. Ich habe meine Freundin gut gewählt. Schirachs „Fall Collini“ war in einem Tag gelöst – aufregend, schnörkellos, deutsche Vergangenheit und Schuld nüchtern am Schopfe gepackt. Jenny Erpenbeck führte mich dann mitten hinein in das große Thema Flucht und Vertreibung, Hoffnung und soziale Kälte. Dabei schlug sie weite Kreise bis ins Altertum und rührte doch am meisten an, wenn sie die Schicksale der hier Gestrandeten schlicht notierte und den Flüchtlingen Gesichter gab: in „Gehen, Ging, Gegangen“.

Ich las geduldig weiter. Eine Neuentdeckung war für mich der Brite Ian McEwan, von dem ich nur den „Zementgarten“ als Verfilmung kannte. McEwan ist ein raffinierter Erzähler, der mich in „Amsterdam“ mitten in meine redaktionelle Vergangenheit zurückwarf und Fragen moralischer Verantwortung und narzisstischer Machtgelüste in erstaunlichen Spannungsbögen hochschwappen ließ. Und dann war da dieses Buch über Stefan Zweig, das gerade recht kam nach dem Film „Vor der Morgenröte“, den ich mit noch heilem Knöchel im Thalia erlebte und der mich zutiefst bewegte in seinem Thema Heimatverlust und Einsamkeit. In dem kleinen Büchlein „Ostende, 1936, Sommer einer Freundschaft“ ging es um Zweigs Freundschaft zu Joseph Roth und Irmgard Keun, um das sich gegenseitig stützen, miteinander hoffen und doch einsam stranden und sterben. Präzise und mitreißend erzählt Volker Weidermann von diesem Sommer kurz vor dem Zweiten Weltkrieg, in dem sie noch einmal das Leben feiern, wie es nur die Verzweifelten können.

Ja, und ich gebe zu, dass ich das erste Mal auch zur Bestseller-Autorin Charlotte Link griff und mit ihr in das „Tal des Fuchses“ hinabstieg. Doch das war eine zusätzliche Geduldsprobe, denn 100 Seiten weniger hätten es auch getan, um in die Abgründe der Täter zu schauen.

Jetzt gibt es erstmal eine Lesepause: Ich verlagere meinen „Hochsitz“ in die Uckermark. Dort werden die Karten gemischt und Mensch ärgere dich nicht gespielt. Der Kultursegler macht Urlaub: in Großfamilie. Geduld üben, kann man schließlich überall. Während die anderen Fahrradfahren und Schwimmen, winke ich ihnen mit meinen himmelblauen Krücken zu. (he)

3 Kommentare zu “Wenn das Leben langsam wird

  1. Gute Besserung auch von mir,
    und Familien-Urlaub kann auch durchaus anregend sein.
    Und dann gibt es noch die
    „Entdeckung der Langsamkeit“, Sten Nadolny …
    Freue mich auf Segler-Tipp nach dem Urlaub.

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