Wo sich Arbeit und Leben umarmen: Fünf Keramiker unter einem Dach

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Obwohl das selbstgebaute Tor aus Robinienholz weit geöffnet ist, fährt man schnell an dieser Kunst-Oase vorbei. Das Hinweis-Schild Keramische Werkstätten Glindow am Backstein-Pfeiler ist von zurückhaltender Schlichtheit. Hier wird eben mehr geklotzt als geprotzt.

Der Charme des Vierseitenhofs der ehemaligen Wassermühle in Glindow entfaltet sich erst beim Nähertreten. Dann aber mit freundlichem Nachdruck.

Claudia Winter hat an diesem grauen Donnerstag-Vormittag Empfangsdienst. Sie zeigt uns ihre in Ton gebrannte zarte Blütenpracht, an der sie sich seit längerem ausprobiert: Bildträger in Gefäßform, die auch ohne Inhalt durch ihren Farb- und Malklang überzeugen. Noch ist sie am Experimentieren, sagt sie und scheint doch schon lange auf dem richtigen Weg. Die junge sympathische Frau aus Chemnitz beseelt eines der fünf Ateliers, die sich in der aus altem Material neu aufgebauten Remise aneinanderreihen. Hier haben sich fünf Freunde, die einst gemeinsam an der traditionsreichen Keramik-Hochschule Hör-Grenzhausen am Westerwald studierten, ihren Traum verwirklicht: selbst bestimmtes Leben und Arbeiten unter einem Dach. Doch um dieses Dach zurecht zu zimmern, gingen bereits fast vier anstrengende Jahre ins Land. Das Leben als Baustelle, aus dem sie sich langsam und mühevoll freischaufeln und ganz nebenbei Kinder kriegen. Das dritte ist unterwegs.

„Es sah gruselig aus, als wir hier ankamen. Gar kein Reinkommen. Nein, dachten wir: Erst in einem anderen Leben.“ Doch dann tat sich plötzlich eine Finanz-Quelle auf: Fördermittel aus dem Programm für ländliche Entwicklung, erinnert sich Claudia Winter.

Nach Glindow verschlug es die Freunde, die an der Nordsee und am Bodensee, in Kanada und Goslar zu Hause waren, durch eine Messe-Begegnung in München. Dort lernten sie den Geschäftsführer der Ziegelei Glindow, Harald Dieckmann, kennen und der gab ihnen den Tipp mit der baufälligen Mühle. Inzwischen ist er Mit-Eigentümer und beschäftigt die oft klammen Künstler im Nebenjob an seinem Brennofen. Die Keramiker warten nicht auf ihrem Hof, bis sich mal Besucher „verlaufen“, sondern fahren auch auf Märkte, um ihre Kunst anzubieten. Claudia Winters Ateliernachbarin Julia Winter hat dort ihren Weg bereits gefunden, „sie verkauft ihr Porzellan sehr gut.“

Auch Mike Wagner ist erfolgreich: Er laboriert auf seinen Bechern und Tassen mit Siebdruck: sehr originell und irgendwie männer-affin.

Martin Grade liebt es üppiger: Seine Gefäße behaupten sich als kräftige Solostimme im freien Raum. Seine Frau Jule zeichnet indes gerade mit feinem Strich ihre Vögel und Blüten auf die Scherbe. Vor ihrem Fenster flattern die Modelle: Vögel im wilden Gestrüpp. „Irgendwann soll hier ein neues Wohngebiet entstehen. Dann ist es vorbei mit dem Blick in die Natur“, erzählt sie. „Hoffentlich dauert es noch eine Weile.“

Derweil bellt der große schwarze Hund. Der möchte trotz seines großzügigen Auslaufs am Langhaus, in dem jeder Künstler sein eigenes Wohnreich hat, Gassi gehen. Wenig später treffen wir Jule Grade mit Sohn und Hund beim Spaziergang durch die Glindower Alpen. Jetzt ist also Familienzeit. Abends geht sie vielleicht noch mal rüber an die Töpferscheibe. So wie Claudia Winter. „Das ist das Schöne: Man kann mit Babyphon abends noch mal ins Atelier.“

Es gibt keinen Feierabend, aber einen Zusammenklang aus Leben und Arbeit, der dem eigenen Rhythmus entspricht und leise einladend nach außen dringt. Es lohnt sich, anzuhalten! (he)

www.keramikundkulturgut.de

Do und Fr 10 bis 17 Uhr, So 14 bis 17 Uhr

Glindow, Dr.-Külz-Str.69

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