Bevor die Schatztruhe geschlossen wird, noch schnell zu Hockney bis Holbein

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Stilles Versenken. Es ist eines der bedeutendsten Gemälde des 16. Jahrhunderts, die „Madonna des Bürgermeisters Jacob Meyer zum Hasen“ von Hans Holbein d. J. Foto: Sammlung Würth/ Pilipp Schönborn

Waren Sie schon bei Würth? Nein? Sie wissen gar nicht, wer das ist? Macht nichts: Er ist Milliardär und hat sein Geld mit Schrauben verdient. Dabei blieb so viel übrig, dass der Baden-Württemberger eine stattliche Summe in eine einmalige Kunstsammlung mit 17 000 Werken stecken konnte. Und die sollten sie kennen! Noch bis 10. Januar ist Zeit, die 400 meisterlichsten Schätze aus diesem Privatbesitz im Gropiusbau in Berlin anzuschauen.

Es ist eine Entdeckungsreise der besonderen Art: voller Überraschungen, voller Gegensätze – und doch in sich stimmig. Dieser Mann, der gerade seinen 80. Geburtstag feierte, hat ein Auge für das Besondere und auch für das Weltumspannende der Kunstszene seit 500 Jahren. Seine Sammlung und nun auch diese vorzügliche Auswahl und gelungene Präsentation führt alle Großen ins Feld: „Von Hockney bis Holbein“, wie schon der Titel sagt. Und dazwischen tummeln sich Picasso und Warhol, Munch und Miro, Nolde und Immendorf, Lichtenstein und Beckmann, Schlemmer und Riemenschneider, Funakoshi und Cranach. Und so bunt und zeitverstreut wie diese Auflistung ist auch die Ausstellung gestaltet. Der Besucher fällt von einem Stil in den anderen, von einem Jahrhundert ins nächste und wieder zurück – und bleibt doch gepackt von einer Spannung, die bis in die obere Etage führt– ja dort sogar noch mal getoppt wird. Wie von der kopflosen „Schwarzen Menge“ der 20 bedrohlich wirkenden, lebensgroßen Bronzefiguren der polnischen Künstlerin Magdalena Abakanowic, die den Besucher förmlich zurückweichen lassen. Oder von dem daneben sitzenden kleinen Jungen auf der Schulbank. Sein Banknachbar ist ein Kreuz – als Zeichen für die vielen Kinder, die Opfer von Krieg und Vernichtung wurden. Die „Dunkle Klasse“ nannte der polnische Maler, Regisseur und Bühnenbildner Tadeusz Kantor diese sinnhafte Anklage gegen Gewalt in Gestalt des einsamen Kindes. Und dann gibt es in dieser Mega-Ausstellung eben auch solche „Belanglosigkeiten“ wie das kleine vergängliche „Karnickelköttelkarnickel“ aus Mist von Dieter Roth – vis a vis von Anselm Kiefers monumentalem Bücherscheiterhaufen „Tannhäuser“.

Dieser Würth sammelte Abstraktes und Politisches, Skurriles und Provokantes, Einzelwerke und Komplexe. Sie sind assoziationsreich in Szene gesetzt: Wie der auf dem Boden weit ausgestreckte Eisenguss-Mann „Close V“ von Antony Gormley vor Edvard Munchs Psychokammerspiel „Vampir“. Oder die vielen Stürzenden von Baselitz, die den Lichthof umschließen, in dem das „Jüngste Gericht“ von Anthony Caro bedrohlich tagt.

Es ist durchaus ein Zugewinn, sich per Audioguide durch die Ausstellung führen zu lassen: mit den Stimmen von Joachim Król und Bernadette Schoog. Über ihre Erklärungen erfährt man zum Beispiel, wie es dem englischen Plastiker Richard Deacon möglich war, seine Holzschleifen so schwungvoll in den Raum greifen zu lassen: Drei Stunden ließ er dazu das Holz in einem Dampfkessel weichen und verdreht es binnen fünf Minuten zu den gewagtesten Loopings: noch bevor das Holz wieder erstarrt und bricht.

Und wer es noch unterhaltsamer haben möchte, schaltet sich ins Kinderprogramm des Audioguides ein: Dort werden die Fragen geklärt, die man sich als Erwachsener nicht laut zu stellen traut. Was zum Beispiel wollen uns die Pop-Art-Künstler sagen  und was die wilden Pinselstriche der Abstrakten? Ja, und warum verstümmelte Günther Uecker das Klavier und schlug zig Nägel ein? (he)

Zu sehen bis 10. Januar im Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstraße 7, in Berlin (von der S-Bahn Friedrichstraße läuft man etwa 15 Minuten). Es ist täglich (auch am Dienstag!!!) von 10 bis 19 Uhr  geöffnet

Weiteres unter www.museumsportal-berlin.de

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