Wenn die Gewissheit stirbt. Wie gehe ich um mit der Diagnose Krebs? Darüber erzählen das Theaterstück „Blitzschlag“ und der Roman „Sterben im Sommer“

Tanz das Leben! Foto: he

Wie gehe ich damit um, wenn plötzlich die Diagnose Krebs mit am Frühstückstisch sitzt und sich bis in die Nacht hineinbohrt? Wenn Gewohnheiten und Gewissheiten bröckeln, aber auch Neues in Gang gesetzt wird. In dem luftig-leichten und doch sehr tief lotenden Theaterstück „Blitzschlag“ von Martina König, das im Theaterschiff Potsdam zu sehen ist, spiegeln sich all die Fragen, die in der entscheidenden münden: Muss ich jetzt sterben? Auch die Autorin Zsuzsa Bánk, die am 23. September im Waschhaus zu Gast ist, setzt sich mit dem Thema Abschied und Neubeginn auseinander. Ihr gefühlstiefer Roman „Sterben im Sommer“ ist ein Requiem auf den Tod des Vaters.

Martina Königs Inszenierung ist wie ein Tanz. Sie weht hauchzart in den dunklen Bauch des „Sturmvogels“ hinein. Eine Frau in einem weiß-leuchtenden Kleid bahnt sich den Weg durch die Zuschauerreihen. Sie zieht eine weiße Schleppe hinter sich. Wie eine stolze Braut. Doch wer ist der Bräutigam? Sitzt ihr der Tod im Nacken? Schleift sie ihn mit? Wir erfahren, dass die Frau Anna heißt und nach vier Jahren der Brustkrebs wieder zurückgekehrt ist. Im Fitnesstudio trifft sie auf Harald, der auf dem Laufband neben ihr Gas gibt. Nach anfänglicher grober Abwehr lässt er sich auf ein Gespräch, auf eine Annäherung mit Anna ein – und offenbart seine eigene Diagnose, seinen Prostatakrebs. Anders als Harald hadert Anna damit, nur auf die Wissenschaft zu setzen, auf Chemotherapie und neue Versuchsangebote mit nicht absehbaren Nebenwirkungen. Wer kennt ihren Körper schließlich besser als sie? Aber darf sie das, diese Angebote ausschlagen? Reichen Misteltherapie, Ernährungsumstellung und viel Bewegung, um den bösen Zellen Einhalt zu gebieten? Es bleibt ein Hadern, die Suche nach dem eigenen, immunstärkenden Weg.

Das gut recherchierte Thema – untersetzt durch die Erfahrungen der Onkologin Hannelore Seibt-Jung – bekommt durch seine metaphorischen Bilder und die mitunter groteske Zuspitzung eine künstlerische Weite, die viel Raum für eigene Gedanken lässt. Der Zuschauer erstarrt nicht in Gefühlsüberfrachtung, fühlt sich vielmehr auf beste Weise unterhalten. Beherzt wischt Anna das Kreuz von ihrer Stirn, das ihr sofort jeder aufmalt, der von ihrer Diagnose hört. Nein, diese Anna lässt sich nicht markieren, ist nicht nur der Krebs. Sie will leben, die Schleppe abwerfen, tanzen. So lange, so gut es geht. Der Krebs hilft ihr auch, sich von alten Zwängen zu lösen. Andrea Brose und Dietmar Nieder schaffen es, dieser Anna, diesem Harald Herz und Statur zu geben. Und die wunderbaren Kostüme und Choreografien von Joe Ryan verwandeln den harten „Blitzschlag“ in leuchtend schwebende Glühwürmchen.

Die Gefühlvolle. Zsuzsa Bánk schrieb über ihren Vater László, der vor zwei Jahren starb. Foto: Gaby Gerster

Für Zsuzsa Bánk ist die Zeit des Lichts und des Hoffens indes vorbei. Bei ihrem Vater ist der Krebs nicht mehr heilbar. Die Tochter versenkt sich in ihren Schmerz, nimmt den Leser mit auf einen langen Abschied, auf dieses „Sterben im Sommer“. Sie muss lernen, am Krankenhausbett das Gesicht zu wahren, nicht zu weinen, und verliert umso mehr in ihrem stillen Kämmerlein die Fassung. Kein Wunder, wo selbst der Vater in seinem letzten halben Jahr nach außen weint, dünnhäutig geworden ist, schutzlos, ohne Abwehr. Der Krebs nimmt ihm die Kraft.

So wie bereits in ihrem Buch „Schlafen werden wir später“ lässt Zsuzsa Bánk jede Distanz fallen, offenbart schonungslos ihre persönlichen Gefühle. Da gibt es keine falsche Scham, keine intellektuellen Verrenkungen. Die Wortdompteurin schreibt sich ihre Verzweiflung von der Seele. Und sie nimmt uns zugleich mit auf eine Zeitreise: zurück ins Ungarn 1956, als die sowjetischen Panzer in das Land rollten und kritische Geister mundtot machten. Ihre Eltern flohen – und blieben doch zeitlebens diesem Land verhaftet. „Ungarn ist Vaterland, noch mehr Großvaterland“ schreibt die Autorin, die 1965 in Frankfurt am Main auf die Welt kommt und Sommer für Sommer mit der Familie, mit dem Vater, die Ferien am Balaton verbringt.

Auch diesen letzten. Noch einmal sitzt ihr Vater in seinem Paradiesgarten unter der Akazie, noch einmal steigt er zum Schwimmen in den See. Aber die Rückreise erfolgt ungeplant: im Rettungshubschrauber und Krankenwagen.

Die Autorin hat beim Schreiben über den Tod des Vaters auch die eigene Endlichkeit gespürt. „Ich habe angefangen, darüber nachzudenken, wie ich meinen Nachlass regle, wie ich meine Ordner hefte, damit meine Familie nicht lange wird suchen müssen. Wie meine Kinder danach weiterleben werden.“ Und sie lernt, die Buttercremetorte nach dem alten ungarischen Rezept der Großmutter zu backen. Mit allen Tricks und Kniffen. Um sie weiterzugeben. Und um das Gefühl zu haben, dass beim Essen ihr Vater mit am Tisch sitzt, wenigstens in Gedanken.

Sowohl dieses Buch in seinem tiefen Abschiedsschmerz als auch das Theaterstück in der vitalen Suche nach der eigenen Balance kurbeln Zwiegespräche an: Wie huldige ich selbst dem Leben, wenn die Gewissheit stirbt? (he)

Zsuzsa Bánk liest aus „Sterben im Sommer“ am Mittwoch, 23. September, 20 Uhr, im Waschhaus, Schiffbauergasse. Eintritt 10 Euro. Tickets und weitere Infos gibt es hier.

Das Buch ist im S. Fischer Verlag erschienen, die gebundene Ausgabe kostet 22 Euro.

Die nächste Aufführung von Martina Königs „Blitzschlag“ ist am Freitag, den 18. September, 19.30 Uhr, auf dem Theaterschiff, Schiffbauergasse. Karten im Vorverkauf kosten 19, an der Abendkasse 21 Euro. Tickets und weitere Infos unter www.theaterschiff-potsdam.de

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