Laut kläffend: Lars von Triers „Dogville“ am Hans Otto Theater

Die Menschlichkeit wird ans Kreuz genagelt. Foto: HL Böhme/HOT

Dass dies ein schonungsloser Abend werden würde, war voraus zu sehen. Schließlich ist Lars von Triers Film „Dogville“ von so einer schmerzhaften Wucht, dass er atemlos macht. In von Triers düsterer Parabel spielte Nicole Kidman die Hauptrolle der Grace und ich erinnere mich noch sehr eindrücklich daran, wie angespannt ich um ihr Überleben bangte und wie überrascht ich schließlich von dem Ende war.

Am Samstag brachte nun das Hans Otto Theater „Dogville“ in der Dramatisierug von Christian Lollike auf die Bühne. Für die Inszenierung dieses Höllentanzes holte sich das HOT erstmals den erfolgreichen Regisseur Christoph Mehler ans Haus, der viele Jahre die Spielstätte Box und Bar am Deutschen Theater leitete. Das Premierenpublikum war erstaunlich jung und folgte der ins Groteske getriebenen straffen Einstudierung mit Lachen und konzentriertem Innehalten. Weiterlesen

Das kleine Licht bin ich: Wenn sich Fantasie zum Traumberg erhebt

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Laura Heineckes schwebende Magie. Licht und Schatten tanzen einen zarten Reigen. Foto: Gurlt

Es war ein kleines Wagnis: mein erster Theaterausflug mit Enkeltochter. Schließlich richtet sich das Tanzstück „Das kleine Licht bin ich“ an Kinder ab drei Jahren. Paula ist nicht mal zwei, dafür aber eine ausdauernde Bilderbuchanguckerin. Auch das Video, mit dem das T-Werk seine Inszenierung bewirbt, legte die Hoffnung nahe, dass sich unsere Enkelin von dem Zauber verführen lässt. Weiterlesen

L‘ Amour Fou – Liebe ohne Zukunft

Hans-Otto-Theater, Das goldene Vlies von Franz Grillparzer, Regie: Alexander Nehrlich Medea Marianna Linden Jason Florian Schmidtke Gora Sabine Scholze Phryxus/ Kreon Peter Pagel Aietes Bernd Geiling Peritta/ Kreusa Denia Nironen Milo Wolfgang Vogler Absyrtus Jonas Götzinger Junge Medea Renée Carlotta Gerschke Clara Sonntag
Ein Kampf der Gefühle (Foto: Göran Gnaudschun)

„Das Goldene Vlies“ von Franz Grillparzer im Hans Otto Theater

Es ist ein Abend der großen Emotionen. Antiker Stoff verpackt in einer dramatischen Liebesgeschichte, die sich schnell als „Amour Fou“ entlarvt – eine Liebe, die zum Scheitern verurteilt ist. Zugegebenermaßen sah ich dem Theaterabend etwas skeptisch entgegen, tue ich mich mit Dramen aus der Mythologie doch manchmal etwas schwer. Zu viele gleich klingende Namen, zu viele Intrigen, zu viele Nebenhandlungen. Und dazu eine Sprache, die die volle Konzentration abverlangt. Doch die Tragödie “Das Goldene Vlies“ von Franz Grillparzer unter der Regie von Alexander Nerlich benötigte nur wenige Minuten, um mich am vergangenen Samstagabend in ihren Bann zu ziehen. Weiterlesen

Lärmender Hexentanz: Hänsel und Gretel in der Biosphäre

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Hänsel und Gretel nicht im deutschen Wald, sondern in den Tropen. Gruselig wurde es trotzdem.

Das kleine Mädchen neben mir hat es genau eine halbe Stunde ausgehalten. Dann half auch kein Ohrenzuhalten und Einkuscheln auf Mutters Schoß mehr. Sie musste einfach raus: befreit werden von der lärmenden Gruselei rund um den Hexenbesen. „Hänsel und Gretel“ ist schon ein Schwergewicht für junge schwache Nerven, zumal wenn es in Opernform und noch dazu in so einer scheppernden Lautstärke präsentiert wird, wie gerade in der Biosphäre. Bis zur Pause war am Freitagabend von stimmlicher Brillanz und musikalischem Genuss keine Spur. Die Tonübertragung – jedenfalls im Block B – versetzte dem engagiert aufspielendem Sinfonieorchester Collegium musicum Potsdam unter Leitung von Knut Andreas und dem beherzt agierenden Darstellern eine schallende Ohrfeige. Wie schade! Denn man konnte ahnen, mit welcher Kraft und Leidenschaft sich das Ensemble in diese Produktion hineingeworfen hatte, zumal nach der Pause das Desaster etwas abgemildert werden konnte. Weiterlesen

Laut, schrill, immer nackig und etwas eklig. „Familiengeschäfte“ ohne Biss

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Das Hans Otto Theater präsentiert eine zahnlose Gesellschaftskomödie

Herr Wellemeyer bleibt sich treu. Wenn er eine Komödie in die Hand nimmt, weiß der Besucher, was ihn erwartet. Es wird laut und schrill, immer nackig und etwas eklig. Auch bei Alan Ayckbourns „Familiengeschäfte“, die der Chef des Hans Otto Theaters am Samstag zur hauseigenen Premiere brachte, gab es Geschrei und Klamauk und jede Menge Blut. Also viel Lärm um Nichts?

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Da hilft kein Jammern! Der „Gestiefelte Kater“ nimmt das Glück in die Hand

 

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Abgründiges in der flirrenden Märchenwelt: Der Gestiefelte Kater am Hans Otto Theater.

Dieser Gestiefelte Kater nimmt große Schritte. Er durchquert so ziemlich alle Niederungen, in die wir fallen können und die uns mitunter zermürben. Dieses Märchenspiel von Thomas Freyer als Adaption der Grimmschen Märchen wird zur Persiflage auf die wilde Jagd der Arbeitgeber auf die Kraft ihrer Angestellten. Immer mehr haben sie zu buckeln  – bis sie schließlich erschöpft zusammen brechen. Ja, hier geht es um Burnout und Depression und doch kratzt diese Problemwelt der Erwachsenen nicht an dem märchenhaften Zauber, mit der diese Inszenierung von Kerstin Kusch die Bühne überzieht. Sie ist spritzig und witzig und vor allem sehr musikalisch. Weiterlesen

Die hohe Kunst des Verweigerns: Ton und Kirschen überzeugen in „Bartleby der Schreiber“ mit Slapstick und Hintersinn

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Stein des Anstoßes: der Verweigerer Bartleby. Am Wochenende ist er in der fabrik zu sehen.  Foto: Estournet

Dieser Bartleby erinnert mich an die gemalten Einsamkeits-Gestalten von Edward Hopper: verlorene Seelen mit Blicken, die ins Leere gehen. Wir versuchen, sie zu ergründen und bleiben gebannt und doch ratlos zurück.

„Bartleby, der Schreiber“ ist indes die Titelfigur einer 1853 geschriebenen Erzählung von Herman Melville, die das Wandertheater Ton und Kirschen am Donnerstag in der fabrik Potsdam mit Schwung, Slapstick und großer Konzentriertheit auf die Bühne brachte. Weiterlesen

Durch welche Tür treten Sie? „Terror“ ist auch am Hans Otto Theater ein aufwühlendes Ereignis

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Die Zuschauer werden zu Schöffen im Theater-Gericht – und geraten in eine Zwickmühle.
Nachdem ich Schirachs „Terror“  im Fernsehen gesehen hatte, sank mein Interesse, mir auch noch die Aufführung am Hans Otto Theater anzusehen. Die TV-Besetzung mit Martina Gedeck, Lars Eidinger, Jördis Triebel, Burckhard Klausner, Florian Daniel Fitz ist einfach nicht zu toppen, die Handlung auserzählt, das Votum abgegeben.
Dennoch: Die Karten sind nun mal bestellt, die Verabredung mit der Freundin getroffen … Es wird trotz  meiner Bedenken ein bewegender Abend – mit unerwartetem Ausgang.

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Mit Wucht und Zauber: Unidram ist eröffnet und zeigt sich gewohnt anders

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Sie nennen sich selbstironisch „Ingenieurtheater“, die Künstler von Akhe aus St. Petersburg. Bei Unidram stellen sie an mehreren Abenden ihre Annäherung an das Tibetische Totenbuch vor.

Erschöpft trete ich nach diesem ersten langen Unidram-Abend in die Kühle der Nacht. Die russische Gruppe Akhe hat ganze Arbeit geleistet. Ihre Annäherung an das Tibetische Totenbuch ist nicht nur für die beiden Performer ein enormer Kraftakt.  Während sie sich mit Milch und Blut beschmieren, über die Bühne robben und wie besessen in wilder Pinselei die Bühne weißen, sinniert der Kopf der Zuschauer angestrengt über Sinn und Widersinn dieser akribisch-chaotischen Aufführung nach. Weiterlesen

Die sinnumstürzende Kraft des Theaters: Hinein in die Unidram-Bilderwelt

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Der wilde Tanz der Puppen. Mit „Blind“ wird das Festival eröffnet. Foto: Patrick Argirakis

Lautlose Schreie, flackerndes Licht, Puppen außer Rand und Band – der Unidram-Trailer gibt einen bitter-süßen Vorgeschmack auf das internationale Festival in der Schiffbauergasse. Ein turbulentes Spiel mit den Möglichkeiten des Theaters um Illusion und Wirklichkeit beginnt. Junge Künstler aus Europa reisen nach Potsdam, um ab Dienstag ihre faszinierenden Bilderwelten und visuellen Experimente zu zeigen. Auch ohne Worte sprechen sie eine kraftvoll-beseelte Sprache. Weiterlesen