Der Kultursommer nimmt Fahrt auf – Tanz und Theater am Tiefen See

Was ein Spielplatz doch bewirken kann! Der so viele Sommer ausgedörrte Kulturstandort Schiffbauergasse ist inzwischen angesagter Familientreff. Während die Kleinen rutschen, klettern, buddeln und sich mit Sand bewerfen, schlürfen die Mütter ihre Weinschorle, die Väter trinken zum Flammkuchen ihre Potsdamer Stange. Ein Spielfeld weiter wird gebeacht und geschwitzt. Oldies aus den 60er und 70ern animieren auf der kleinen Bühne zwischen den Sandtretern zum Tanz. Ein schöner Einstieg für den abendlichen Kultursommer, der sich nun wieder regt.

Leidenschaftlich: Laurenz Wiegand als König (links) und Mark Harvey
Mühlemann als sein Liebhaber Gaveston. Foto: Neues Globe Theater

Nach dem Kino-Open-Air vor dem Waschhaus sind nun auch die Schirrhofnächte vor dem T-Werk eröffnet. Das Neue Globe Theater spielt sich nach der Zwangspause frivol und hintersinnig durch das neurotische „Leben Eduards des Zweiten von England“. Ihr Eduard, der durch Gesellschaftsdünkel und Intrigen um seine große Liebe zu dem Fleischhauersohn Gaveston gebracht wird, durchschreitet einen steinigen Weg: von der unbekümmerten rebellischen Jugend zum bestialisch drangsalierten Königsnarr, der sich trotz aller Willkür nicht verbiegt. Das hat Spannung, das hat Witz und auch viel Musikalität. Und nicht zu vergessen: viel Desinfektionsmittel, das reich versprüht wird. Die bestens aufgelegten Mimen lassen in der Kühle der Nacht trotz einiger Längen dieses Brecht-Stück facettenreich schillern und den König mit all seinen Dellen blutvoll auftrumpfen. Eine leidenschaftliche Theatercrew, die offenherzig auf das Publikum zugeht. Sie weiß mit historischen Figuren lebensnah zu spielen, zeigt, wie schnell sich Menschen verführen lassen, wenn die Macht winkt. Und wie schnell der Liebende zum Krieger wird. „Klafft des Tigers Fleisch, so rauft er sich mit roher Klaue“, heißt es in dem Stück.

Auch für ihre zweite Inszenierung in diesem Sommer wirbt Theaterleiter Andreas Erfurth charmant und eindringlich: für „Der tollste Tag oder Figaros Hochzeit“ (vom 1. bis 3. August). „Heraus kommt eine triumphale Intrigenposse, die sich mit geschliffenen Dialogen zur rasanten Screwballkomödie entwickelt“, heißt es vollmundig in der Ankündigung. An ihrem Eduard haben sie sich jedenfalls nicht verhoben. (he)

Animus und Anima – Tanz unter freiem Himmel. Foto: promo

Vom Schirrhof werfen wir einen Blick Richtung Hans Otto Theater. Vom 6. bis 9. August wird am Fuße der Terrassen getanzt. Auf der Seebühne treffen sich junge Tänzer*innen der MoveOn Performance Academy aus Mailand und vom Berlin Dance Institute. Bereits im vergangenen Jahr entstand bei dieser Kooperation ein mitreißendes Stück, das in Potsdam aufgeführt wurde. Nun soll an dem Erfolg angeknüpft werden. Unter der Regie von Anja Kozik (Oxymoron Dance Company) und der künstlerischen Assistenz von Luana Rossetti sowie dem Produzentenduo Modem&Acoid (Live from Earth) wurde ein neues Tanzstück beider Akademien erarbeitet. Wir freuen uns auf eine energiegeladene tänzerisch- und musikalische Sommernacht am Tiefen See. Karten gibt es hier.

Getanzt wird Anfang August auch ein Haus weiter: Nach der Absage der Potsdamer Tanztage im Mai, die das 30. Jubiläum hätten sein sollen, lädt die fabrik Potsdam vom 5. bis 7. August zu einer neuen Version des Festivals ein: eine intimere Ausgabe, da das große Jubiläum jetzt für Mai 2021 geplant ist. In diesem Festival ist vieles anders. Das Korsett des Distanzgebots ist Ansporn, ungewöhnliche Formen zu suchen: im Freien, im Gehen, in Kleingruppen und auf der Leinwand. (so)

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