Gisela Neuenhahn weiß: Das letzte Hemd hat keine Taschen. Jetzt verkauft sie ihre Bilder zu erschwinglichen Preisen

Leise Töne. Gisela Neuenhahns Blick auf den Heiligen See

Die Kunst ist eine strenge Herrin, stellt Gisela Neuenhahn immer wieder fest. Ihr dient die Potsdamerin mit Verantwortungsgefühl und Demut. Sie meint, dass jeder der mit der schönen und gefährlichen Gabe des Talents ausgestattet ist, diese Eigenschaften haben sollte. Die Lyrikerin der Farben, die ab Samstag im Kunst-Kontor Potsdam ausstellt, weiß, worüber sie spricht. Ihre künstlerische Sprache ist von Jugend an die Musik und die Malerei.

„Bei der Musik muss man besonders streng mit sich sein. Denn das gemeinsame Musizieren verlangt nach Präzision und Sensibilität“, sagt die Künstlerin, die sich im Jahr 2000 jedoch ganz der Malerei zuwandte. Bis dahin war sie Violinistin des DEFA-Sinfonieorchesters und der Brandenburgischen Philharmonie Potsdam. Die Partituren der großen Sinfonien oder bedeutender Opern hat sie viele Jahre als Orchestermitglied mit ihren Kolleginnen und Kollegen zum Leben erweckt. Daran erinnert sie sich sehr gern. „Doch vor nunmehr 20 Jahren gab es plötzlich die Brandenburgische Philharmonie nicht mehr. Sie wurde aufgelöst. Aus ökonomischen Gründen, wie man uns sagte“, so Gisela Neuenhahn. „Viele Musikerinnen und Musiker standen plötzlich ohne Arbeit da. Mancher bekam sogar einen seelischen Schaden.“

Der Bajazzo

Glücklicherweise konnte die Geigerin, die in Leisnig in Sachsen geboren wurde und an der Leipziger Musikhochschule studierte, ihr anderes Talent, nämlich die Malerei, aus „der Tasche“ holen. Sie hatte nämlich Kunst als zweite Studienrichtung ebenfalls in Leipzig belegt. Die Malerei wurde nun zu ihrer künstlerischen Sprache. In bescheidenem Bekenntnis, sagt Gisela Neuenhahn. „Es ist vielleicht nicht so wesentlich, ob man sehr oder weniger begabt ist – nur, dass wir die Dinge durchblutet haben, die wir aussagen wollen, ist wichtig.“ Wie das Erlebnis ihr das Fundament der künstlerischen Arbeit ist, wie sie es in ihre Gefühlswelt umsetzt und in behutsamer, aber erfüllter und ehrlicher Sprache mitteilt – ist schlichtweg bewundernswert. Sie konnte als Malerin in den 20 Jahren in mancher Ausstellung in einem Kollegen-Ensemble mitwirken oder als Solistin die Galeriewände für sich in Anspruch nehmen. Nun hat die Galeristin Friederike Sehmsdorf sie eingeladen, ihre Bilder in einer Personalausstellung mit dem Thema „Das letzte Hemd hat keine Taschen“ zu zeigen.

Gisela Neuenhahn bei der Arbeit. Foto: Walter Wawra

Ein Querschnitt ihrer Arbeiten wird präsentiert. Die Künstlerin möchte, dass viele Kunstliebhaber sich an ihren Bildern erfreuen. So soll ein Kauf all denen ermöglicht werden, die ihre Kunst lieben, sie sich jedoch bislang finanziell nicht leisten konnten. „Ich bin jetzt 77 Jahre alt. Meine Krebserkrankung lässt sich nicht mehr aufhalten. Nachkommen und Erben habe ich nicht. Ich habe eine Sorge: Wenn ich eines Tages von dieser Erde gehen muss, meine Wohnung geräumt wird, werden die Bilder mit Sicherheit an oder in der Mülltonne landen“, erzählt Gisela Neuenhahn über die Intentionen der Ausstellung. „Das wäre schade“, bemerkt sie mit einem Augenzwinkern. Die Galeristin Friederike Sehmsdorf ist der Überzeugung, dass die Bilder der Künstlerin sie überleben werden. „Dieses Projekt ist kein Ausverkauf. Es ist ein Akt der Vernunft und ein Akt der Freiheit, der sich über die Gesetze des Marktes erhebt und die Schönheit in die Welt entlässt, damit sie Freude gebiert.“ Doch abgeschlossen hat die Künstlerin mit dem Malen noch nicht.

Gisela Neuenhahns Themen sind Mensch und Landschaft – ihr bevorzugtes Ausdrucksmittel Öl. Die märkischen Seen, Wiesen oder Felder sind von Musikalität durchdrungen. So wie einst ihre Kammermusik auf der Violine. Sie ist eine Lyrikerin der Farben, des Leisen. Gerade dieses Leise ist es, das so eindringlich den Betrachter anspricht. Nicht anders ihre Ballerinen, Porträts oder Akte, die eine zarte Sinnlichkeit ausstrahlen. Sie leben zwischen erzählerischer Geste und schwebender Ruhe. In ihrer Zeitlosigkeit ergreifen sie.       (von Gastautor Klaus Büstrin)

„Das letzte Hemd hat keine Taschen“, Ausstellung mit Malerei von Gisela Neuenhahn, Galerie Kunst-Kontor, Potsdam, Bertiniweg 1A (Nähe Schloss Cecilienhof). Ausstellung geöffnet vom 15. bis 29. August, Do und Fr. 15 bis 17 Uhr, Sa 13 bis 18 Uhr.

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