Peepshow am Riebener See

Wanderer - wo bleibt Ihr?

Eigentlich sollte der April im Zeichen meiner Pilgertour stehen. Akribisch hatte ich die Wanderwege abgesteckt, Kartenmaterial zusammengetragen, Unterkünfte gebucht. Die Strecke lag nur einen Steinwurf von meinem Zuhause entfernt: zwischen Hennigsdorf und Bad Wilsnack. Warum in der spanischen Ferne schweifen, wenn der uralte Jakobswegs auch vor der Haustür liegt?! Doch inzwischen ist er gefühlt genauso weit entfernt wie Santiago de Compostela. Die Unterkünfte sind geschlossen, und kein Pilgern ohne Rasten. Also mache ich aus der Not eine Tugend, begebe mich auf Ein-Tages-Ausflüge. Auf der ersten Station entdeckte ich das zu Beelitz gehörende idyllische Dörfchen Rieben und seine Sieben-Seen-Route: nur 20 Minuten von Potsdam entfernt.

Gemeinsam mit einer Freundin, die diese 12-Kilometer-Strecke bereits bestens kennt, stellen wir das Auto am Dorfrand ab. Sofort fallen wir mitten hinein in die Natur: mit weiten Blicken, sandigen Wegen, morastigen Auen, sprießendem Frühlingsgrün, fröhlichem Amselzwitschern. Und zwischendrin kleine Seen mit Schilfkragen und Kanälen in schmalen Betten. Wie im Rhinluch – meinem ursprünglichen Pilgerziel.

Verkleideter Steg am Riebener See

Die erste Überraschung lässt nicht lange auf sich warten: ein verkleideter Steg am Riebener See. Was ist das? Normalerweise weitet so ein hölzerner Pfad den Blick in die wasserweite Ferne. Hier ist er eingesperrt. Oder nicht? Die Schlitze im Zaun lassen tief blicken: in die Welt der Schwäne oder Haubentaucher, die sich ganz unbeobachtet fühlen. Ein bisschen erinnert dieses Eindringen in ihre Privatsphäre an eine Peepshow., was nichts anderes heißt, als „durch eine schmale Öffnung spähen“. Das tun wir prompt und sehen zwei mittagsmüden Schwänen im Rohrdickicht zu. Wir müssen indes weiter: Picknicken steht erst zur Halbzeit an. Diese Auszeit verbringen wir auf einer Lichtung an der Kreuzung Pfefferfliesroute-Seeroute-7-Seen-Weg: mit isländischem Moos unterm Po und fleißigem Ameisengetümmel um uns herum. Es gibt viel zu sehen, immer wieder, wenn nicht gerade die Freundinnengespräche in ganz andere Regionen abdriften. Schon bald sehen wir wieder die Kirchturmspitze und eilen zur Weidelandfarm in Rieben. Hier wirtschaftet die Familie Engelhardt auf rund 300 Hektar mitten im Naturschutzgebiet „Nuthe-Nieplitz-Niederung“. Obwohl der Hofladen schon eine Viertelstunde geschlossen ist, öffnet uns die junge Chefin ihr kleines Ernte-Refugium: mit Eiern von glücklichen Hühnern und Rouladen von Jungrindern, die „auf der Wiese ihren Tod verschlafen“, wie es im Prospekt heißt.

Grenzüberschreiter – zwischen Potsdam-Mittelmark und Potsdam

Eine Ecke weiter gibt es hinterm großen offenen Torbogen beim Spargelhof am Storchennest die schmackhaftesten Kartoffeln weit und breit und frisch gestochenen Spargel  – die kreuzlahmen Stecher löffeln gerade ihre Abendsuppe aus Plastikbechern. Wir lassen uns später ganz genüsslich die Früchte ihrer harten Arbeit schmecken: in Erinnerung an einen erfüllten Tag – auch ohne Jakobsmuschel und Stempel im Pilgerpass.

Lass Deine Augen offen sein

Geschlossen Deinen Mund

Und wandle still

So werden Dir

Geheime Dinge kund.

Heimat- und Heidedichter Hermann Löns

Doch diesen Spruch entdecke ich erst auf meiner nächsten Wanderung: eingelassen auf einem Findling in den Ravensbergen. Hier zieht es mich zum höchsten Punkt Potsdams: dem Kleinen Ravensberg mit seinen 114 Metern (der Große Ravensberg misst nur 108 Meter). Ja, es geht hügelig zu am Rande der Stadt – leider auch sehr verwirrend. Die Ausschilderung rund um den Teufelssee ist eher irreführend als wegweisend. Nach drei Stunden weiß ich bereits, dass ich meine verschobene Pilgertour noch einmal überarbeiten werde. Es müssen nicht unbedingt 25 Kilometer am Tag sein. Auch die Hälfte fühlt sich sportlich an! Selbst meine Freundin, die bewegte Frau schlechthin, stimmt mir am Ende zu.

Durchatmen am Teufelssee

Die nächste Tour soll der Bernhardspfad sein: ein Pilgerrundweg um Kloster Lehnin, benannt nach dem Zisterziensermönch Bernhard von Clairvaux (1090-1153). Er ist in zwei Etappen unterteilt: in 21 und 14 Kilometern. Fangen wir doch erstmal mit dem Kleinen an! (he)

Weitere Informationen zum Familienbetrieb Engelhardt in Rieben unter www.weidelandfarm.de. Man kann auch online seinen Braten bestellen.

Der Falkenhof Ravensberge und das Waldhaus Großer Ravensberg in Potsdam sind wieder geöffnet. Weiteres unter waldhaus-potsdam@t-online

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