Zwischen abstrakten Nomen, Impffrust und einem Heldinnenepos – Überwintern im Coronamodus

Der heimische Lesetisch ist reich gedeckt - auch dank der Freundes-Tauschgaben

Online-Angebote frohlocken, überbieten sich gegenseitig: Konzerte, Theater, Kino, Ausstellungen – die Kreativität schlägt Purzelbäume, die Kultur bäumt sich als geschundene Kreatur schmerzvoll und doch kampfeswillig auf. Dennoch kann ich mich nicht so recht entschließen, meinen Kunsthunger im Internet zu stillen. Zu oft sitze ich schon vor dem Laptop, um mit meinem Enkel die Lernapp Anton hoch und runter zu scrollen oder auf der Geografie-Plattform online.seterra.com möglichst schnell auf die richtigen Ländergrenzen, Hauptstädte und Gebirge zu klicken. Inzwischen kenne ich mich auch mit abstrakten und konkreten Nomen aus und konnte sie dank der Malerei auch meinem „Schüler“ gut erklären. Im Handy starre ich auf zudem auf pnn.de, um den Corona-Newsblog zu verfolgen oder mir den Finger wund zu tippen, um vielleicht doch noch irgendwann einen Impftermin für meine 95-jährige Mutter zu bekommen. 150 Fehlversuche registriert inzwischen meine Anrufliste. Aber jetzt ist ohnehin Funkstille. Kein Impfstoff, keine Termine. Wohin mit dem Groll? Am besten ins Lesereich abtauchen. Dort haben die Helden ganz andere Schlachten zu schlagen.  Wie Anne Beaumanoir, die französischen Résistancekämpferin, der die Schriftstellerin Anne Weber in ihrem Buch „Annette, ein Heldinnenepos“ ganz dicht und zartgewebt in ihren  Sprachkokon hüllt.  Dieser schmale Band mit der wunderschönen roten Hülle, auf dem das Antlitz von Annette gülden schimmert, hätte ich vielleicht gar nicht gekauft. Eigentlich stand ein ganz anderer Titel auf meiner Wunschliste. Aber Carsten Wist leistete Überzeugungsarbeit, so wie man ihn als leidenschaftlichen Potsdamer Buchhändler so kennt. „Dieses Buch musst du kaufen!“ Natürlich trumpft es schon allein durch seine Erhebung zum besten Roman des Jahres 2020 auf. Aber der Nachsatz, dass die Jury  Mut bewies, ein Buch in Versform zu küren, ließ mich zögern. Falsch!

Eine Literatin von Format: Anne Weber kommt am 7. Mai ins Waschhaus. Foto: Thorsten Greve

Dieses Epos ist ein literarisches Kleinod. Es lässt eine Heldin vor unserem geistigen Auge erblühen, ohne sie auf einen Sockel zu heben. Sie rettete zwei Juden das Leben, kämpfte für ein freies Algerien, behandelte als Ärztin Opfer von Gewalt. Doch ihr Muttersein blieb auf der Strecke, ihre drei Kinder wuchsen ohne sie auf. Bei aller Hingabe für die gute Sache, übersah sie mitunter, dass das vermeintlich „Gute“ sich sehr schnell ins Gegenteil verkehren kann. Wann ist Gewalt gerechtfertigt, darf man Andersdenkende töten, was wird aus Revolutionsideen? Wir wissen von Karl Marx: Die Revolution frisst ihre Kinder. „In Algier wirft man dieser Tage Bomben in die Straßenbahnen. In einer davon könnte meine Mutter sein. Wenn das Gerechtigkeit sein soll, dann ist mir meine Mutter lieber.“, zitiert Anne Weber den in Algerien geborenen Dichterkollegen Albert Camus, den wir gerade durch seine „Pest“ wiederentdeckt haben. Kann man nicht beides haben, Mutter und Prinzip? Anne Weber philosophiert, reflektiert,  hinterfragt. Immer wieder. Sie erhebt sich nicht besserwisserisch, sondern versucht im Zwiegespräch, ihre Heldin zu verstehen. Auch in ihrem Verdrängen. „Camus war friedlich. Annette war es nicht.“

Anne Beaumanoir, diese leidenschaftliche Frau mit dem unerschütterlichen Gerechtigkeitssinn ist inzwischen 97 Jahre alt und wird nicht müde, in Schulen über ihre Erfahrungen mit Rassismus und religiösem Fanatismus zu sprechen. „Der Kampf, das andauernde Plagen und Bemühen hin zu großen Höhen, reicht aus, ein Menschenherz zu füllen“, ist am Ende in diesem doch ganz romanhaft anmutenden Epos zu lesen. Diese Annette, die als „Kofferträgerin“ illegaler Botschaften von den Kolonialherren in Frankreich zu zehn Jahren Haft verurteilt wurde – von jenen Herren, die in den 60er Jahren bei Atomversuchen in der Sahara unzählige Tuaregs und eigene Soldaten töteten oder in Krebsleiden enden ließen – musste immer wieder fliehen. Doch wann immer Annette konnte, bot sie anderen ein Bett an und reichte ihnen Essen. Wir hören ihren Herzschlag – in einer sanft pulsierenden Sprache, die Nähe schafft und doch das eigene Mitdenken wachhält.

Anne Weber sollte im vergangenen Herbst im Potsdamer Waschhaus ihr Buch vorstellen. Wir wissen, wer es verhinderte. Es ist zu hoffen, dass die in Frankreich lebende deutsche Dichterin ihre Lesung alsbald nachholen kann. Der Verlag nannte den 7. Mai als Ersatztermin.

Solange bedienen wir uns weiter am häuslichen Büchertisch, der auch dank des bunten Freundeskreises immer reich gedeckt ist. Und zum Glück sind wenigstens die Buchhandlungen geöffnet. (he)

 

 

„Annette, ein Heldinnenepos“ ist im Verlag Matthes & Seitz Berlin erschienen und kostet 22 Euro

Weitere Literaturtipps unter  https://derliteraturladen.buchhandlung.de

 

Vorschau: Vom 17. bis 28. März gibt es nach einer erneuten coronabedingten Verschiebung „Made in Potsdam 2021“: ganz real und beinahe zum Anfassen. Dahinter steht die fabrik mit einem Kunstspaziergang in der Schiffbauergasse: Filmprojektionen erobern Plakatwände, Fenster- und Türrahmen, Kunsträume bleiben geschlossen und werden doch transparent, Installationen erobern Außenräume oder bewohnen Gebäude-Nischen. Na dann, freuen wir uns auf  neue Bildsprachen und auf ungewöhnliche Darbietungen an neuen Orten.

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