„The Gate“: 300 Jahre Berliner Geschichte in 20 Minuten

Geschichte hautnah. „The Gate“ setzt schlaglichtartig und mit multimedialer Finesse auf Emotionen.

Schon beim Runtersteigen der Treppe dröhnt uns lauter Kanonendonner entgegen. Wir hören die piepsige Stimme von Walter Ulbricht: „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu bauen.“ Als wir schließlich durchs Drehkreuz den flachen dunklen Raum betreten, werden wir von der Bilderflut geradezu überschwemmt. Der Körper vibriert im „Kugelhagel“ dieser rasanten Erlebnisshow zwischen Schüssen, Scherben, Bomben, Feuer, Jubeltaumel. In nur 20 Minuten durcheilen wir 300 Jahre Geschichte und es gibt kein Entrinnen. Diese vor einem Jahr eröffnete multimediale Ausstellung „The Gate“ in den Räumen des früheren Kennedy-Museums neben der französischen Botschaft am Pariser Platz zieht hinein: mit kraftvollen Filmsequenzen, schnellen Schnitten, dröhnenden Elektrobeats. Wie in einem Fahrstuhl geht es hoch und runter – von Glanz zu Elend und wieder zurück: vom blutigen Schlachtfeld des Ersten Weltkriegs zu den Charleston-Klängen der 20er, vom Scheiterhaufen „entarteter“ Kunst zum Erstürmen der Mauer, vom lichten Ballett der Nachwende-Kräne in die schwüle Hitze der wiedervereinten Disconacht. Weiterlesen

Er wirkte bis in die kleinste Dorkfkirche: „Modemacher“ Karl IV. – Ein Kaiser in Brandenburg

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Sie ist eine der ersten Porträtskulpturen in der Kunstgeschichte: Die Büste Karl. IV. am Veitsdom. In der Potsdamer Ausstellung gibt es einen Gipsabdruck zu sehen.

Die erste seiner vier Ehen wurde gestiftet, als Karl IV. sieben Jahre alt war. Im gleichen Alter wie seine Frau Blanca. Eine Hochzeit aus politischem Kalkül. Gleich danach wurde das junge böhmisch-französische „Glück“ getrennt. Blanca reiste aus Paris ab, der junge Königssohn aus Prag lernte am französischen Hof Schreiben und Rechnen. Als er schießlich den Thron bestieg,  galt er als erster böhmischer König, der lesen konnte und zudem fünf Sprachen beherrschte. So jedenfalls ist es auf der spannend gestalteten Internetseite des tschechischen Tourismus www.karl700.de zu lesen. Die umfangreiche Ausbildung in Frankreich öffneten dem klugen hellsichtigen Mann sicher auch die Augen für die Schönen Künste. Und um die geht es  vor allem in der Ausstellung „Karl IV. Ein Kaiser in Brandenburg“, die  bis Januar 2017 im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte zu sehen ist. Weiterlesen

Gärtner führen keine Kriege: Preußens Arkadien hinter Stacheldraht.

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Lennés Idee der Sichtachsen wurde pervertiert: Denn auch die Grenzer wollten „Sichten“. Allerdings in anderem Sinne. Es ging ihnen um ein „freies Sicht- und Schussfeld“.

Immer wenn ich durch den Sacrower Park laufe, sehe ich unter dem frischen Grün das Blut getöteter Hunde. Am Rande einer Führung durch das Schloss erzählte vor ein paar Jahren ein Mitarbeiter, wie nach dem Fall der Mauer die hier ausgebildeten Grenzhunde erschossen wurden. Sie hatten ihre Schuldigkeit getan.

In der bis 13. November laufenden Ausstellung „Gärtner führen keine Kriege“ gerät der Zuschauer wieder mitten hinein in diese Zeit der tollwütigen Bespitzelung, in der Mensch, Natur und auch Tier skrupellos missbraucht und notfalls zur Strecke gebracht wurden. Da zählte keine Kulturlandschaft, wie sie sich einst Lenné und Pückler unter königlicher Order erdachten und mit Sichtachsen, blühenden Wiesen und schwungvollen Wegen in Szene setzten. Da wurde platt gemacht, was dem Blick auf mögliche Grenzflüchter im Wege stand. Das Schussfeld musste frei sein. Weiterlesen

Dr. Oetkers Verführung: Mit einem Backbuch auf Erinnerungsreise in die Kindheit

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Klebrige Spuren der Erinnerung

Das Mehl klebt noch an der Seite des Rosinenkuchens. Sie ist herausgelöst und von großen braunen Flecken überzogen: Verschüttetes Backöl, das sich über die Schrift ausbreitet und tief eingezogen ist. Wie eine Landkarte der Erinnerung. Die Backanleitung ist kaum noch zu entziffern. Wie oft wurde nach dieser Rezeptur wohl das Pfund Mehl abgemessen, die vier Eier aufgeschlagen, die drei gestrichenen Esslöffel Kakao untergezogen und das Fläschchen Rum-Aroma reingeträufelt? Nein, wir nahmen nicht das Rum-Aroma von Dr. Oetker, wie es geschrieben steht in diesem abgegriffenen Buch, das nur noch kläglich von dem hellblau-weiß-gepunkteten Schutzumschlag zusammengehalten wird. Wir – Kinder des Ostens – mussten uns mit dem Aroma aus dem Konsum begnügen und waren nicht sicher, ob der Kuchen genauso schmeckte, wie es mit Dr. Oetker gewesen wäre. Weiterlesen

Ich schreibe, was mich bewegt: ein Workshop im Biografischen Schreiben

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Wo komme ich her? Wo liegen meine Wurzeln? Im Biografischen Schreiben kehrt man zurück auf die bunte Wiese der Kindheit und nähert sich dem unverwechselbaren eigenen Leben.

Heute geht es in unserem Blog um Werbung in eigener Sache. Am 11. Juni startete ich meinen Workshop im Biografischen Schreiben. Wer Lust hat, kann dazu kommen. Ein Einstieg ist jederzeit möglich!
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Potsdam für Besserwisser

T18Welcher Stadtteil Potsdams musste mit unzähligen Tonnen Sand aufgeschüttet werden, damit die mehrstöckigen Plattenbauten nicht absanken? Na, wissen Sie es? Ein tolles Geschenk für Potsdamer, Neu-Potsdamer oder Potsdam-Interessierte ist das Potsdam-Quiz. Die Autorin und Ideengeberin Antje Liefeldt ist natürlich Potsdamerin. Mit ihren Rätselheften möchte sie der Stadt auf den Grund gehen. Doch der Gästeführerin und Dozentin für Lernpsychologie und Führungs-pädagogik ist es wichtig, ihre Heimatstadt nicht nur mit ihren augen-scheinlichen bekannten Seiten zu präsentieren. Bei der Leserschaft baut sie auf Entdeckerfreude.

Im Basiswissen-Quiz erfahren Sie nicht nur, welcher König der schiefe Fritz genannt wurde, sondern auch, wo seit Königszeiten gern geangelt wird, wie das teuerste Wohngebiet der DDR-Zeit heißt oder wie viele öffentliche Toiletten es in Potsdam gibt. Das eine oder andere Aha-Erlebnis ist bei diesem Rätsel-Spaß in Gesellschaft oder allein bei einer Bahnfahrt garantiert. Weiterlesen

Stadtflüchter

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„Wir sind nackt und nennen uns Du“, lautete der programmatische Titel einer Schrift der Nacktkolonie am Motzener See

Der erste Blick fällt auf die nackten Damen im „Garten der Schönheit“ von Karl Vanselow. Der betrieb vier Jahre in Werder einen Verlag und frönte schon früh der Freikörperkultur. Während er mit seiner Prosa gern mal die Schwelle zum Kitsch überschritt, setze er als Fotograf die jungen Damen im Eva-Kostüm durchaus wirkungsvoll in Szene. Mit diesem reizvollen Auftritt des schillernden Akteurs von der Blüteninsel wird die Ausstellung „Einfach. Natürlich. Leben. Lebensreform in Brandenburg 1890-1939“ wirkungsvoll eingeläutet. Doch es gibt schon im wohligen Orange des Entrees eine Bildtafel, die den Besucher schmunzeln lässt. Sie zeigt, wie sich unsere Vorfahren anno 1904 ihren Zukunftsstaat vorstellten. Weiterlesen

Der Westen kam per Post – Eine Kindheitserinnerung zum Tag der Einheit

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Süße Verlockung – Ost und West

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Pünktlich zu Weihnachten flog der Westen mitten auf unseren Stubentisch. Auf der fein gestrickten Decke lag das große Paket, auf das wir Kinder wie gebannt starrten. Meine Mutter löste vorsichtig das Papier und legte es behutsam in den Schrank. Erst dann griff sie zur Schere und ließ das Band wegschnipsen. Jeder wollte zuerst seinen Kopf hineinstecken und seine Ansprüche geltend machen. Doch noch war das Geheimnis unter einem raschelnden Seidenpapier mit rankenden Rosen verborgen, die förmlich zu duften begannen. Weiterlesen