Der kackende Tió – Über einen magischen Baumstamm, der Mandarinenschalen isst, um Geschenke zu produzieren.

Wer den Baumstamm, den Caga Tió, ordentlich füttert, wird reich beschert. Foto: Berta Queralt

Es mag wie ein schlechter Witz klingen, aber in der katalanischen Weihnachtstradition gibt es mehrere Figuren, die mit dem Stuhlgang zusammenhängen. So verrichtet in der Krippe die Figur des „Caganers“, des Hirten, hinter dem Stall seine Notdurft. Sie soll die Fruchtbarkeit der Erde symbolisieren. Das mag für die Bauern noch logisch sein, aber die Menschen der Stadt oder die Touristen bestaunen die katalanische Krippe sehr skeptisch mit großen Augen.

Die zweite Figur, die sich auf den Stuhlgang bezieht, ist noch spektakulärer und viel interaktiver als der „Caganer“. Es ist der „Tió“: ein magischer Baumstamm, der für die Kinder Kataloniens zu Weihnachten Geschenke produziert.

Dahinter steckt folgende Tradition: Zwei Wochen vor Weihnachten gehen Familien mit ihren Kindern in den Wald, um nach diesem magischen Baum zu suchen, der nichts anderes als ein normaler Stamm ist. Die Suche nach diesem Stamm ist zugleich ein schöner Ausflug, der auch mit der Schule unternommen wird. Wieder zu Hause oder in der Schule wird eine Decke draufgelegt. Derzeit gibt es Menschen, die ihm auch ein lächelndes Gesicht zeichnen und eine „Barretina“ (ein roter Hut, typisch katalanisch) draufsetzen.

Jetzt kommt der interessanteste Teil und derjenige, den ich am meisten mag. Es ist wichtig, den Tió jeden Tag zu füttern: Er mag Mandarinen- und Orangenschalen sehr, aber auch Schokolade und andere Lebensmittel. Wasser ist auch wichtig. Die Kleinen im Haus glauben, dass der Tió viel essen muss, denn dann wird er ihnen bessere Geschenke produzieren. Logisch.

Dann kommt der große Moment. Am Heiligabend nach dem Abendessen (das Ritual fängt frühstens 23 Uhr an!) sitzt die ganze Familie um den Tió herum. Nun beginnt das Fest. Die Kleinen nehmen ihre Stöcke und schlagen den Tió, während sie das Lied des Tió singen. Es ist sehr lustig, weil dieser Song von Stadt zu Stadt und von Dorf zu Dorf ziemlich variiert, und damit sind die Diskussionen über die Lyrics gesichert. Das Lied wiederholt viele Male „Tió, Tió, caga, Tió“, da es unser Hauptziel ist: Bitte Tió „kack uns viele Geschenkeee!“.  Er spricht auch über all die Dinge, die er uns geben kann: Schokolade, Haselnüsse, Pinienkerne, „Torrons“ (eine Weihnachtspezialität aus Mandeln), sogar ein Ei! Ich muss zugeben, dass der Song etwas aggressiv ist, weil er den Tió zwingt, uns viele Dinge zu geben. Tut er es nicht, besteht die Gefahr, dass sehr hart auf ihn geschlagen wird.

Des Hirten Notdurft sorgt für die Fruchtbarkeit des Bodens

So, nach einigem Klopfen und Singen, gibt uns der Tió kleine Geschenke unter seiner Decke. Normalerweise, und wie es das Lied besagt, sind diese Geschenke Süßigkeiten oder Kleinigkeiten. Die großen Überraschungen kommen am 6. Januar mit den Heiligen Drei Königen.

Ich persönlich mag diese Tradition sehr, weil es mir scheint, dass es in der Verantwortung der Kinder liegt, sich um den Tió zu kümmern. Auf diese Weise können sie auch und gerade in den letzten Tagen des Jahres zeigen, ob sie verantwortungsvolle Menschen sind. Es ist eine heidnische und sehr alte Tradition, die die Menschen mit der Magie des Waldes in Verbindung bringt. Und die Jüngsten lernen, für das zu arbeiten, was sie schaffen wollen.

Die Tatsache, Kinder dazu anzustiften, den Tió so hart wie möglich zu schlagen, wird aber durch meine Verteidigung der pädagogischen Werte dieser Tradition völlig widerlegt. Vielleicht kann ich es nur damit verteidigen, dass es sich um eine sehr alte Tradition handelt und dass das Konzept des Schlagens heutzutage offensichtlich undenkbar ist. Wir könnten die Tradition ein wenig friedlicher gestalten, indem wir das Lied politisch korrekt niederschreiben und den Stock zur Seite lassen, mit dem der Tió getroffen wird. Ich frage mich nur, ob diese Tradition dann für die Kleinen noch so attraktiv wäre?!

Auf jeden Fall erscheint mir die Tradition trotzdem sehr besonders, wenn ich denke, dass viele Menschen (beginnend mit mir!) in der Stadt aufgewachsen sind und wir leider allmählich die Beziehung zum Wald und anderen Traditionen im Zusammenhang mit der ländlichen Welt verlieren. Es ist auch wahr, dass diese Tradition immer mehr an Stärke verliert, weil wir sehr von der angelsächsischen Kultur beeinflusst sind. Viele Familien ziehen es seit Jahren vor, den Weihnachtsmann („Papá Noel“) in ihren Häusern zu empfangen als den Tió zu schlagen. Zum Glück und wie wir alle wissen, sind Moden zyklisch und glücklicherweise sind interkulturelle-heidnische „Retro“-Rituale in Städten wie Berlin gerade angesagt.

Von Alba Soriano Moreno

Unserer Gastautorin wurde 1987 in Barcelona geboren und lebt seit 2009 in Berlin.

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