Losgehen und ankommen. Beeindruckende Open-Air-Ausstellung auf der Brandenburger Dominsel

Vom schweren Weg in die Fremde. Was bedeutet es, die Heimat zu verlassen? Darüber geben Porträts von Menschen zwischen 1945 und 2015 Auskunft. Foto: Marion Schütt

Es sind bewegende Geschichten, die oftmals ans Herz gehen. In der Open-Air-Ausstellung „Losgehen und ankommen“ rund um die gotische St. Petrikapelle  am Brandenburger Dom  werden in Wort und Bild auf Tafeln zehn Lebensgeschichten erzählt, Geschichten von Menschen verschiedener Generationen, die  politische Untergänge erlebten, die die Bitterkeit und Not von Vertreibung erlitten, denen Kriege ein menschenwürdiges Dasein nicht gestatteten. Es sind Flüchtlinge aus dem deutschen Osten des Jahres 1945 und jene, die in unserer Zeit auf der Flucht aus arabischen und afrikanischen Staaten sind.

Kein Staat, kein Land würde wohl ohne Migration in seiner heutigen Form existieren. Mehr als 14 Millionen deutsche Kriegsflüchtlinge und Vertriebene gab es 1945 nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland, zwei Drittel von Ihnen kamen aus den ehemaligen Ostgebieten, darunter Ostpreußen, Nordböhmen, Schlesien und Galizien. Beispielsweise Kristhild K., die im Herbst 1945 nach Brielow bei Brandenburg kam. Sie wurde 1923 in Dürrlettel im Kreis Meseritz / Lutol Suchy, heute Polen, geboren und musste ihre Heimat verlassen. „Am 26. Juni 1945 kam der Aufruf, die Glocken haben geläutet, da mussten sich die Dorfbewohner bei uns vorm Haus versammeln. Die polnische Miliz befahl, das Dorf innerhalb von zwei Stunden zu verlassen. Kein Wagen, kein Kinderwagen durften mitgenommen werden, nur Handgepäck.“

 Was Flucht und Ankunft in einem fremden Land bedeuten, konnte man ab 2015 hierzulande selbst sehen. Niemand verlässt seine Heimat, Familie, seine vertraute Umgebung ohne Grund. Mit dem Verlust der vertrauten Umwelt und der Aufgabe kultureller Bindungen verbinden die Flüchtlinge von 2015 die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Beispielsweise Aya T.  Sie wurde 1999 in Syrien geboren. Mit 16 kam sie nach Brandenburg.  Aya berichtet: „Seit 2019 studiere ich an der Fachhochschule Potsdam Bauingenieurwesen. Ich habe dieses Fach bewusst gewählt, denn sollte in Syrien der Bürgerkrieg ein Ende haben, kann ich helfen, das Land wieder aufzubauen. Bildung ist meiner Meinung nach die Basis für das Leben, auf sie kann ich mich verlassen. Durch die Bildung öffnen sich viele Türen.“

Als man die 97-jährige Kristhild  K. bei der Vorbereitung der Ausstellung fragte, ob sie es ungerecht finde, wie Flüchtlinge damals gegenüber denen, die heute in Deutschland ankommen, behandelt wurden, antwortete sie: „Ich hab mir noch keine Gedanken gemacht, ob ich das ungerecht finde. Das sind auch Menschen, denen geholfen werden muss, es geht nicht anders. Heute ist auch eine andere Zeit, es ist alles in Hülle und Fülle da, wir haben ja alles im Überfluss. Ich habe keinen Grund zu meckern, wir haben ein Haus, wir haben ein warmes Bett, wir haben zu essen, (…) was sollen wir da noch meckern und unzufrieden sein, wir können zufrieden sein, dass Frieden ist.“

Doch auch die Familie des wolgadeutschen Aussiedlers Waldemar B.  aus der Sowjetunion sowie des vietnamesischen Vertragsarbeiters Hoang v. T. aus DDR-Zeiten kommen zu Wort und ins Bild. Die Juristin Adelheid van L., die aus der Vertrautheit ihrer angestammten Umgebung in Baden-Württemberg sich mit Mann und Kindern auf den Weg in den Osten machte und in Brandenburg Arbeit fand, wurde befragt, auch die Pfarrerin Martina R., die nach der Ausreise in den achtziger Jahren aus der DDR nach 1989 wieder in die brandenburgische Heimat zurückkehrte.

Salbungsvolle Selbstdarstellungen findet man bei den Porträtierten nicht. Sie  erzählen der Interviewpartnerin Marion Schütt, von ihr stammen auch die stimmigen Fotografien,  mit großer Natürlichkeit von den Verhältnissen, die sie hinter sich ließen und von den neuen, die sie erleben.  Bei mancher Kritik, die die Zehn auch äußern, erzählen sie von manchem Scheitern, das sie beim Ankommen erfuhren, doch vor allem sind sie dankbar, dass sie hier nun angekommen sind.

Die Schau haben die  Evangelischen Kirchengemeinden der Region Brandenburg im Kirchenkreis Mittelmark-Brandenburg gemeinsam mit dem Diakonischen Werk e.V./ Flüchtlingsnetzwerkkoordination Brandenburg (Havel) und anderen Partnern konzipiert und auf den Weg gebracht. Sie wurde von SynopsisFilm eindrucksvoll umgesetzt. Nach der Präsentation auf der Dominsel soll die Ausstellung multimedial in den Gemeinden rund um Brandenburg an der Havel gezeigt werden und zu Diskussionen und Austausch anregen.          Von Gastautor Klaus Büstrin 

Losgehen und Ankommen, Ausstellung an der Petrikapelle auf der Dominsel Brandenburg, bis 29. Oktober 2021, Mo–Sa 10–17 Uhr, So 12–17 Uhr. Eintritt frei.

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