Das Poetenpack trumpft im wiedereröffneten Schlosstheater mit Goethes Faust tänzerisch auf

Mit sich und der Welt hadernd: der freudlose Faust (Andreas Hueck). Foto: Rüdiger Böhme

Der Kronleuchter funkelt, die Putten strahlen, die Säulen glänzen: Es ist ein wahrliches Fest. Nach sieben Jahren Aufpolieren meldet sich das Schlosstheater leuchtend-schön zurück. Beim Hochgehen der breiten Steintreppe in den zweiten Rang bin ich etwas aufgeregt, schließlich steigen auch viele Erinnerungen mit hoch: an Burleskes, Dramatisches, Musikalisches quer durch die Weltliteratur, die ich hier über die Bühne gehen sah. Und heute nun: Goethes „Faust“.

Glanzvoll. Das Schlosstheater spielt nach sieben Jahren wieder mit. Foto: he

Zur Wiedereröffnung des barocken Kleinods gibt sich das Poetenpack die Ehre, nachdem die Musikfestspiele coronabedingt außen vor bleiben mussten. Und die freie Gruppe aus Potsdam macht aus dieser geadelten Herausforderung im königlichen Rund  durchaus ein kurzweiliges Erlebnis. Es ist ein musikalisch-tänzerischer und zugleich konzentrierter Ritt durch das Leben des „freudlosen Verderbensbringers“.

Die in Polen geborene Bühnenbildnerin Patricia Walczak hat für den Abend ein Halbrund geschaffen, das den barocken Rahmen aufnimmt und an kirchliche Bleiglasfenster erinnert. In ihnen spiegelt sich das Licht – mal in sonniger Verheißung, mal in dunkler Prophezeiung. Im sich zuspitzenden Handlungsverlauf bersten die Scheiben auseinander, wirken schließlich wie zerschlissene Segel im Wind. In dieser dezenten und doch bildkräftig mitmischenden Kulisse lässt Regisseur Kai O. Schubert seine Inszenierungsidee von dem so arg strapazierten und immer wieder befragten Stoff aus dem Klassikolymp in neuer, durchaus sinnfälliger Struktur auftrumpfen. Andreas Hueck gibt seinem Faust eine sich wandelnde Statur: Aus dem geduckten, in sich versenkten Grübelriesen wird der in Leidenschaft Entflammte, der Begehrende, der nach der ganzen Philisterei nun endlich auch der Lust, der körperlichen Freude frönen will – und sei es im Pakt mit dem Teufel.

Fallengelassen. Clara Schoeller als verzweifeltes Gretchen. Foto: Rüdiger Böhme

Zur halböffentlichen Generalprobe, an der ich teilnehmen durfte, gibt es noch etwas Bedarf, den Ton nachzujustieren. In Huecks Zurückgenommenheit verhauchen mitunter einige der wohlbekannten faustischen Verse. Justus Carrière tänzelt derweil in seiner Lederhose agil  und verführerisch um den rabenähnlichen Studioso in  verstaubter Jacke und ausgebeulten Hosen herum – und packt ihn bei seinen Sehnsuchtshörnern. Dieser Mephisto wirkt recht harmlos in seiner Verstiegenheit, trägt das Böse nicht schreiend grell auf der Stirn. Und doch wird er durchschaut: vom Gretchen, die hellwach ihre Antennen ausfährt. Clara Schoeller gibt  indes vor allem das fröhliche Naivchen, das in ihren religiösen Mauern wenig von den harten Schlagschatten der Welt mitbekommt und der eine selbstbestimmte Lebensart fehlt. Ihr gehört die letzte Szene, die der Kindsmörderin – die dem Tanz der Verführung zum Opfer fällt. Ein jäher Schluss, ein nachhallender. Der altbekannte Faust, der es auf seinem Egotrip nicht schafft, im Augenblick zu verweilen, zeigt, dass die grell-bunten Verlockungen und Götzenbilder ihren Sog nicht eingebüßt haben.   he

Die kommenden Vorstellungen sind bereits ausverkauft, aber für den Dezember gibt es noch Karten. Durch die Verschiebung der Winteroper auf das nächste Jahr wurden Spieltermine frei.

Mehr unter www.theater-poetenpack.de

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