Weit mehr als eine Dada-Ikone: Hannah Höch berührt mit einem vielseitigen Werk im Berliner Bröhan-Museum

Als die Ausstellung eröffnet wurde, fielen noch keine Bomben. Die Collagen, Aquarelle und Gouachen von Hannah Höch erzählten in surrealen Bildern von einem Leben, das zwei Weltkriege hinter sich gelassen hatte. Inzwischen haben sie nun eine unerwartete, neue Sprengkraft bekommen. Ihre weise, aus den Wolken emporsteigende „Eule mit Lupe“, gemalt 1945, schaut wieder auf die kleine Erde, die vom Himmel zu fallen droht. Betroffen schauen wir auch auf ihren „Totentanz“ und ihr „Sterbendes Gewissen“, oder auf die 1937 gemalten weißen Tauben, die in ihrer Verstümmelung an Kampfflieger erinnern.

Ein bitterer Abgesang auf die Liebe: „Die Braut (oder: Pandora)“, 1924-27 Foto: Kai-Annett Becker/Berlinische Galerie

Die 120 Werke im Berliner Bröhan-Museum sind indes eher Leisetreter. Sie packen zärtlich zu – doch mit nachhallender Wucht. Hannah Höch, die 1889 in Gotha geborene und 1978 in Westberlin verstorbene Künstlerin findet in ihren „Abermillionen Anschauungen“ – so der Ausstellungstitel – immer wieder neue Blicke, um die Absurditäten dieser Welt zu hinterfragen. Sie deutet an, spielt mit Formen und Farben – und baut ihren ganz eigenen, weit schwingenden Kosmos. Hannah Höch ließ sich nie auf einen Stil festlegen. Man kennt sie vor allem als Dadaistin, aber sie gehörte auch zu den wilden Expressionisten der Novembergruppe, sie malte abstrakt, doch tief durchdrungen von der Wirklichkeit.

Wie alle Frauen ihrer Zeit musste sie hart um ihre Anerkennung in der Kunstszene ringen. Hannah Höch studierte an der Kunstgewerbeschule in Berlin, wurde schließlich Schülerin von Emil Orlik an der Unterrichtsanstalt des Kunstgewerbemuseums Berlin. Dort lernte sie 1915 den verheirateten Raoul Hausmann kennen. Eine siebenjährige Liebesbeziehung begann. Doch Hausmann ließ sich nicht von seiner betuchten Frau scheiden. Er drängte vielmehr seine Geliebte zu zwei Abtreibungen. Auch darüber geben die Bilder Auskunft, wie das Gemälde „Die Braut“, auf dem ein Embryo und ein tränendes Auge um das kindlich staunende Porzellangesicht der Braut kreist. Auf einem anderen Bild, „Symbolische Landschaft“, schauen zwei Babys aus dem Bauch einer Frau heraus, die wie leblos auf einem Opferaltar liegt. Hannah Höch wurde lange vor allem als Dadaistin an Hausmanns Seite gesehen und nicht als eigenständige Künstlerin.

Aufruhr in der Kunst: Ein spannendes Buch über die Berliner Secession

So erging es vielen Künstlerinnen in dieser Zeit. Sehr empfehlenswert ist es, dazu das Buch „Die Berliner Secession. Aufruhr in der Kunst um 1900“ zu lesen, das die Kunstwissenschaftlerin Roswitha Schieb im Verlag Elsengold herausgab. Sie beschreibt sehr anschaulich und zitatenreich, wie schwierig es war, der schwülstigen Malerei im Kaiserreich etwas Neues entgegenzusetzen, wie etwa das Dreigestirn des deutschen Impressionismus Max Liebermann, Lovis Corinth oder Max Slevogt. Die Avantgarde wurde als fremd, abstoßend, hässlich und gemein abgehalftert. Ein Edward Munch etwa hatte nach Ansicht der Kaisertreuen ein krankes Sehvermögen. Und eine Ausstellung des Norwegers in Berlin mündete in einer regelrechten Prügelei.

Und wie schwer hatten es da erstmal die Frauen, die weder studieren noch ausstellen durften. Erst 1899 nahm die Berliner Secession, die mit den wilhelminischen Traditionen brach, auch Künstlerinnen in ihrer Mitte auf. Der Kunstkritiker Karl Schaffler schrieb aber noch 1908 über die „Minderwertigkeit der Frau“, die auf Nachahmung und Nachempfindung der Männerwerke angewiesen sei und wie der Efeu zum Baumstamm gehöre. Selbst ein Wissenschaftler wie Max Planck untermauerte die angebliche Minderwertigkeit der Frauen als Künstlerin, als er schrieb „Amazonen sind auch auf geistigem Gebiet naturwidrig“.

Hannah Höch, Selbstbildnis 1943, Foto: Museum Reinickendorf, VG Bild-Kunst Bonn, 2022

Hannah Höch konnte auf die Erfolge ihrer Vorkämpferinnen wie Käthe Kollwitz, Dora Hitz oder Sabine Lepsius bauen, die sich allmählich Zutritt in der Domäne der Männerwelt verschafften. Doch auch sie musste für ihre Anerkennung hart arbeiten. Nur wenige Jahre später landeten die avantgardistischen Werke, ob von Mann oder Frau, als entartet diffamiert im Keller oder wurden verbrannt. Hannah Höch, die von sich sagte, dass sie zu keiner Zeit links oder rechts, sondern immer nur weltbetrachtend gewesen sei, durfte unter den Nazis ebenso wenig ausstellen wie Käthe Kollwitz. Sie wurde als „Kulturbolschewistin“ ausgegrenzt. Gerade nach ihren vielen Reisen, die sie mit ihrem Ehemann Kurt Matthies quer durch Europa unternahm, kam sie sich nach dem Schließen der Grenzen wie in einem Gefängnis vor.

Hannah Höchs „Totentanz“, 1943

Die vor allem für ihre Collagen bekannte Künstlerin ernährte sich in den Kriegs- und Trümmerjahren von Obst und Gemüse, das sie an ihrem Flugwärterhäuschen in Berlin-Heiligensee anbaute. Dieser Ort blieb bis zum Tod ihr Refugium, oft war sie dabei auf Almosen angewiesen, konnte ihre Bilder nicht verkaufen. Doch sie arbeitete weiter, im Sog der Kunst. Vielschichtig, weitsichtig! Und von überraschender Komplexität – wie die Ausstellung im Bröhan-Museum jetzt eindrücklich zeigt. he

Hannah Höch „Abermillionen Anschauungen“ ist bis zum 15. Mai im Bröhan-Museum Berlin, vis-à-vis vom Schloss Charlottenburg, zu sehen.

 

 

Ein spannender Einblick in die Zeit zwischen Kaiserreich und Nationalsozialismus:

„Die Berliner Secession. Aufruhr in der Kunst um 1900“, von Roswitha Schieb, Elsengold Verlag, 26 Euro, gebundene Ausgabe, reichhaltig bebildert

 

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