Alles schien möglich – „Das schwarze Wasser“ am Hans Otto Theater

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Es ist ein Funkenflug, der auf die Köpfe niedergeht. Wortsprengsel, schillernd schön, die davon stieben, ohne sich festzusetzen. Es braucht einen langen Anlauf, bis „Das schwarze Wasser“ zu einer Welle wird, die auf den Zuschauer überschwappt. In dieser merkwürdig bizarren Collage von Roland Schimmelpfennig am Hans Otto Theater switchen Zeiten, Figuren und Handlung ständig hin und her. Es geht vor und zurück – in einem Sprung von 20 Jahren. Aus jugendlicher Unbekümmertheit und Neugierde auf das Leben werden im Nu die Abgeklärtheit und der nüchterne Alltag der mittleren Generation. Die sprühenden Funken der Träume verglühen im schwarzen Nichts.

Die Zuschauer werden Zeuge einer nächtlichen Begegnung von türkischen und deutschen Jugendlichen, die sich in einem Schwimmbad näher kommen. Da ist Neugierde und prickelnde Lust. Alles scheint möglich. Im nächsten Moment sind die Jugendlichen erwachsen und in ihrem vorgezeichneten Leben angekommen. Die Deutschen sitzen auf gut bezahlten Posten, sind Zahnarzt oder Minister, die Türken bleiben als Dienstleister stecken – jeder tritt in die Fußstapfen der Eltern und Großeltern. Alles ist vorgezeichnet, die Richtung klar.

Die Erkenntnis aus diesem Stück ist nicht neu und in seiner Schwarz-Weiß-Schraffur auch überzeichnet. Dennoch passt es bestens in die aktuelle Diskussion um unsere neuen Nachbarn und  überrascht in Form und Nachhaltigkeit. Was sich sehr spröde anlässt und durch den ständigen Wechsel von Zeiten und Personen die volle Aufmerksamkeit verlangt, setzt sich allmählich fest. Regisseur Elias Perrig schafft es, den Text Schimmelpfennigs zu knacken, ihm im chorischen Vielklang verschiedene Facetten einzuschleifen. Dazu stehen Perrig sieben Schauspieler kraftvoll präzise zur Seite, die das Sprach-Ungetüm zu bändigen wissen, es sich für einen kurzen prägenden Moment zu eigen machen und wieder loslassen – jeder hinterlässt dabei seine ganz eigene Färbung.

Es ist kein Theaterabend der herkömmlichen Art, der dialogstark im szenischen Spiel einen klaren Handlungsstrang verfolgt. Hier geht es im Staccato vor und zurück. Und eigentlich treten wir auf der Stelle. Denn es ändert sich nichts wirklich in den 20 Jahren, die den zarten Anbandelungen zwischen den Pärchen folgen: Die einen fahren wie eh und je mit der Bahn an den Stadtrand in ihr Neubau-Ghetto, die anderen richten es sich gemütlich in ihren schönen Einfamilienhäusern ein. Sie bewohnen gemeinsam eine Stadt – und wissen fast nichts voneinander. Auch für viele Potsdamer ist der Schlaatz am Ende der Welt.

Und doch: Was wäre, wenn sich Leyla und Frank nach dieser Begegnung im Strandbad, nach diesem heißen Sommer nicht aus den Augen verloren hätten? Frank ist Minister geworden, Leyla Supermarkt-Verkäuferin. Zwanzig Jahre früher glaubten sie für ein paar Sekunden, sie kämen aus derselben Welt. Es blieb beim Funkenflug. (he)

Die nächste Vorstellung ist am Freitag, den 20. November, um 20 Uhr. Der Kultursegler verlost zwei mal zwei Freikarten.

Weiteres unter www.hansottotheater.de

 

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