„Beim Singen vergehen die Sorgen“

CW
Christine Wolff leitet den Aus-Freude-Singen Chor

Die Sängerin Christine Wolff startet am Sonntag auf dem Theaterschiff  eine neue Reihe: die Mit-Sing-Partys. Dazu kamen wir mit ihr ins Gespräch:

Christine, seit knapp zwei Jahren leitest Du den Aus-Freude-Singen-Chor in Potsdam, der sich in vergnüglicher Atmosphäre fest etabliert hat. Nun feiert ein weiteres Mit-Sing-Projekt Premiere: Einmal monatlich lädst Du ins Theaterschiff ein. Möchtest Du Potsdam in eine singende Stadt verwandeln?

Ja, unbedingt, und nicht nur Potsdam, sondern am liebsten die ganze Welt!

Seit meinem sechsten Lebensjahr sang ich jahrelang in verschiedenen Chören und erinnere mich an die tiefen Glücksgefühle, die jedes gemeinsam gesungene Lied in mir und den anderen auslöste. Das Singen hat mein Leben reich und schön gemacht. Heute, nach dem Musikstudium und vielen Jahren beruflicher Erfahrung mit Musik, Gesang, solistisch und mit Chören, weiß ich natürlich viel mehr über die positiven Wirkungen des Singens, und dass Singen nicht nur glücklich, sondern auch gesund macht. Das Wort Gesundheit kommt von gesungen. Lange Zeit überlegte ich, auch Ärztin zu werden wie meine Mutter. Nun lebe ich den Wunsch, Menschen zu helfen, zu heilen, vor allem durch das Singen.

Die Schauspielerin Jane Fonda sagte: „Ich bin jugendlich, weil ich leidenschaftlich bin.“ Kannst Du das bestätigen?

Zu hundert Prozent. Singen aus Leidenschaft hält jeden jung, innerlich und auch äußerlich. Die Ängste und Sorgen schweigen beim Singen. Wenn man singt, hat man keine schweren Gedanken, erinnert sich aber daran, wie man als Kind über die Wiese hüpfte.

Die wenigsten Sangesfreudigen sind notenfest und stimmsicher, auch mit den Texten hapert es oft. Wie kommst Du dem bei?

Die Texte schreibe ich neu, oft auch die Noten, und vereinfache immer das gesamte Notenbild. So lasse ich Taktstriche weg, wo Wortbögen, Phrasen zusammengehören. Dann singen alle von ganz allein der Aussage folgend. Auch wo geatmet werden soll, lasse ich etwas Raum. Wir singen in bequemer Lage, meist einstimmig, aber trotz wechselnder Teilnehmerbesetzungen haben wir auch schon öfter mehrstimmig singen können. Inzwischen spüre ich, wann ich das probieren kann, und wann es zu schwer wird.

Was unterscheidet unser wöchentliches Aus-Freude-Singen von dem Projekt auf dem Theaterschiff?

Unsere wöchentlichen Begegnungen funktionieren nicht so partymäßig. Es gibt eine größere Bandbreite an Liedern, und wir wagen auch mal etwas Schwereres. Auf dem Theaterschiff geht es noch lockerer zu. Dort singen wir vor allem richtig guten Pop und Schlager, weniger klassisch. Aber ganz werde ich darauf nicht verzichten. Und immer ein tolles Klassikstück auch solistisch zum Besten geben!

Auf welche Titel können sich die Teilnehmer freuen?

Die Auswahl fällt sehr schwer. Derzeit habe ich 200 Titel im Kopf und dünne immer weiter aus, bis ich auf etwa 25 pro Abend komme. Darunter sind jetzt „Morning has broken“, „Alt wie ein Baum“ und „In einem kühlen Grunde“. Auch von ABBA und Karat ist etwas dabei. Jeder kennt wirklich alle Titel. Unterstützend projiziere ich per Beamer die Texte an die Leinwand. Es folgt ein Knaller auf den anderen, und wir werden vom ersten Titel an in Partystimmung sein.

Seit Jahrzehnten stehst Du als Sängerin auf großen Podien und feierst Erfolge. Ist da die Chorarbeit mit puren Laien nicht zu poplig?

Nein, im Gegenteil! Innerlich ist mir der natürliche und Chorgesang viel näher als der manierierte Kunstgesang. Gerade von so genannten Amateuren, von Menschen, die eine Sache lieben, ohne sie zum Beruf zu machen, habe ich besonders viel gelernt.

Du sagst immer: Wir sind der einzige Chor in Deutschland, der kein Chor ist. Was meinst Du damit?

Chöre funktionieren über Pflicht zur Probenteilnahme und Mitgliedschaften. Denn es wird immer auf einen einzigen Auftritt hin geprobt, und das monatelang. Das bedeutet, es kommt immer dasselbe Stück dran, ob man es mag oder nicht, und das Singen artet oft genug in richtig harte Arbeit aus. So erlebte ich durch meinen Beruf als Solistin, regelmäßig, wie sehr Singen zu Stress führen kann. Und der Leistungsdruck kommt noch dazu. Er geht so weit, dass nach jedem Konzert die Chorsänger als erstes sagen, was nicht geklappt hat. Das ist Frust pur! Warum singt man denn? Um sich danach zu kritisieren? Singen ist doch eine Gefühls- eine Lebensäußerung! Da sich inzwischen sogar Laienchöre dem überbordenden Leistungsanspruch unterordnen, ist der allgemeine Stresspegel in den Chorproben deutlich spürbar. Auch darum habe ich die Singbewegung gegründet: um sich ausprobieren zu können, und die oft nur eingerostete Stimme fröhlich zu befreien. Und dann wird es für manche sogar auch möglich, in einen großen Konzertchor zu wechseln.

Das intensive Arbeiten in einem Konzertchor muss es natürlich auch geben.

Anspruchsvolle Konzerte und forderndes Musizieren lehne ich keineswegs ab, auch nicht Gesangs-und Chorwettbewerbe, hochkarätige Opern- und CD-Produktionen. Das hat alles seinen Platz, und ich habe ja selbst viele Jahre in dem Feld mitgesungen. Aber es soll auch wieder ein Singen möglich sein wie früher, als man im größeren häuslichen Kreise und unter der Dorflinde miteinander in Kontakt kam. Wie fühlt sich das an, wenn man einmal „nur“ aus Freude singt? Das ist so schön, so befreiend, für alle und auch für mich, dass ich das Prinzip nun bewusst auf- und ausbaue und hoffe, dass es später einmal auch in anderen Städten Fuß fassen kann.

Begonnen hat Dein ungewöhnliches Projekt in dem gemütlichen Raum des Offenen Kunstvereins im KuZe, der sich bald als zu klein erwies. Ab 5. Oktober kehrst Du dorthin zurück, und eröffnest dann montags diese zweite Sing-Filiale – neben dem Theatersaal der Fachhochschule mittwochs. Zerreißt Du Dich da nicht?

Es scheint so auf den ersten Blick. Auf den zweiten wird es eine Erleichterung für mich sein. Denn jedes Singprogramm, das ich aufwändig von Woche zu Woche konzipiere, vorbereite und durchführe, kann ich dann wenigstens einmal wiederholen. Und ich singe lieber mit Menschen, als zu Hause zu sein.

Selbst bei mir, die ich ein Leben lang solistisch sang, hält der Glücksfaktor des gemeinsamen Singens und der schönen Lieder immer noch lange an.

Da ich quasi am KuZe wohne, habe ich keinen Weg: Es wird sich auch montags ein weiterer Kreis von immer wechselnden Singenden ergeben.

Und die Lieder gehen Dir nicht aus?

(lacht). Das wird nie passieren! Die Lieder und Songs, die ich auswähle, nenne ich insgeheim begnadete Lieder. Es ist sozusagen ein Sammelsurium in meinem Kopf und Herzen, und in meiner umfangreichen Bibliothek, das ich seit Kindertagen zusammengetragen habe. Immer wollte ich diese Lieder wiederholen und sie anderen Menschen nahe bringen, damit sie auch solche Freude haben, wie ich sie empfand.

Ergänzt wird die riesige Liedsammlung längst auch durch Vorschläge der Teilnehmer. So habe ich eine Warteliste von etwa 100 Lieblingsliedern angelegt, die gewünscht werden, meine natürlich eingeschlossen.

Und gesungen haben wir inzwischen rund 170 Lieder. Man kann wirklich sagen, eines schöner oder stimmungsvoller als das andere, und für jeden Geschmack ist immer etwas dabei, so auch bei den neuen Mit-Sing-Partys.

(Das Gespräch führte Heidi Jäger.)

 

Eintritt kostet an der Abendkasse 10 Euro, im Vorverkauf 9 Euro (plus 0,50 Euro Bearbeitungsgebühr).

Für die Premiere am 27.9. um 19.30 Uhr gibt es Tickets bequem online oder an der Abendkasse des Theaterschiffs, Schiffbauergasse. Weitere Informationen unter http://aus-freude-singen-chor-potsdam.de/index.php?id=9

 

 

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