Aus dem Schatten ins Rampenlicht

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Frech, charmant und stimmkräftig: Christel Leuner nahm beim Theaterfest die Besucher mit auf eine musikalische Reise an die Nordee. Begleitet wurde sie von Christian Deichstetter. / Foto: he

Bei diesem Wetter mussten wir uns einfach aufs Rad schwingen, um 13 Kilometer weiter in die bunt schillernde Welt des Theaters einzutauchen. Doch wir kommen zu spät. Die Karten für den Rundgang durch das Labyrinth der Werkstätten mit den Schauspiel-Kostproben sind schon vergriffen. Die Enttäuschung verfliegt schnell, denn überall gibt es Dinge zum Bestaunen: Glitzerkostüme zum Kauf, Prinzessinnen-Schuhe zum Reinschlüpfen, eine Windmaschine zum Drehen. Das Hans Otto Theater setzt bei seinem traditionellen Fest zum Saisonauftakt nun schon im vierten Jahr auf Besuchernähe.

Die Werkstätten spielen die erste Geige, treten kraftvoll nach draußen, während sie sonst eher im Stillen werkeln. Die „Diener“ der großen Kunst sind heute König. Die Schauspieler mischen sich mit den eigenen Familien und Kindern unter das Publikum und greifen zwischendurch mal zum Mikro, um wie Rene Schwittay im rauchigen Bass Tom Waits zu singen oder wie Andrea Thelemann an die große Frage Freiheit und Heimat zu erinnern oder wie Meike Finck und Eddie Irle Märchen zu lesen. Auf der Seeterrassen-Bühne lässt es sich trefflich träumen – zwischen dem Gesang der Schauspieler und der märchenhaften Kulisse des rapunzelgleichen Flatowturms. Mit Christel Leuner begeben wir uns schließlich stromabwärts die Havel entlang bis zur Nordsee – hören Seemannslieder und schunkeln im Takt der Lieder von Lale Andersen und Hans Albers. Mit ihrem Programm „Wie einst Lili Marleen“ steht die großartige Interpretin derzeit auf der Bühne im Theaterschiff (wieder am 16. und 17. Oktober), einen Wellenschlag vom Hans Otto Theater entfernt. Hier am HOT begeisterte sie viele Jahre ihr Publikum, ist unvergessen als Zarah Leander. Und wieder steht sie nun am Klavier von Christian Deichstetter, der sie wie vor einem Vierteljahrhundert in herzlicher Eintracht auf ihren musikalischen Meeren begleitet.

Kinder zimmern derweil Bilderrahmen und malen ihre Fantasien hinein. Es ist eine entspannte Atmosphäre mit freundlichen Gesichtern und Kinderlachen, mit Kulissenzauber, Tanz- und Leselust. Und der Möglichkeit, selbst einmal im Rampenlicht zu stehen.

Ein frohgestimmter Prolog auf die kommende Saison, die mit der Premiere von Roland Schimmelpfennigs „Das schwarze Wasser“ ab 18. September von einer anderen Seite des Lebens erzählt: von einer Gegenwart der betonierten Gegensätze, von einer Jugend voller Hoffnung, die einer Gesellschaft gegenübersteht, die sich gegen Andere und Anderes hermetisch abschottet. (he)

Weiteres unter www.hansottotheater.de und theaterschiff-potsdam.de

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