Nur beste Zutaten – Avishai Cohen trifft im Nikolaisaal auf das Filmorchester Babelsberg

Avishai Cohen und Orchester | Foto: promo

Ich lernte Avishai Cohen vor einigen Jahren in einem kleinen polnischen Dorf kennen. Gemeinsam mit anderen jungen Leuten aus ganz Europa nahm ich dort an einem Workshop im Rahmen eines Austauschprogramms teil. An einem gemütlichen Abend spielten wir uns gegenseitig Musik aus aller Welt vor. „Du machst doch Musik. Erklär mir mal – was zum Henker ist denn das hier für ein Rhythmus?“, sagte jemand aus Lettland in meine Richtung und drückte auf Play. Es war Cohens Song „Seven Seas“. Eine Antwort konnte ich ihm nicht geben – aber ich war sofort fasziniert von dem, was ich hörte. Seit dem ist die Musik des israelischen Jazz-Kontrabassisten, Komponisten und Sängers Avishai Cohen ein regelmäßiger Begleiter in meinen Kopfhörern.

Am Samstagabend besuchte Avishai Cohen nun mit seinem Trio den Nikolaisaal Potsdam. Gemeinsam mit dem Babelsberger Filmorchester unter der Leitung von Bastien Stil entstand eine Fusion aus Modern Jazz, nahöstlicher Musik, Latin und Klassik. Ein Abend, wie ein köstliches Mezze-Buffet!

Eingangs spielt das Babelsberger Filmorchester zwei von Cohen arrangierte Stücke allein. Für ein Jazzkonzert kommt der Einstieg noch recht gefällig, klassisch daher. Erst zum dritten Stück erscheint das Trio um Avishai Cohen auf der Bühne. Wenn auch die Ohren der Zuhörer im ersten Zusammenspiel von Orchester und Trio noch eine Aufwärmphase benötigen, gewinnen die Musiker spätestens im folgenden, treibenden Stück das Publikum. Was darauf folgt, ist eine dynamische, abwechslungsreiche Reise mit einer ständigen Vermischung musikalischer Stile.

Man merkt, dass ein Großteil der Stücke von Avishai Cohen selbst arrangiert wurde: Das Orchester wird durch seine Kompositionen nicht zu einem reinen Begleiter, das ein Fundament aus musikalischem Zuckerguss liefert (wie bei anderen Konzerten mitunter empfunden), sondern wirkt extrem durchdacht und auf das Trio zugeschnitten. Es hebt einzelne Passagen an, öffnet neue rhythmische und harmonische Ebenen und lässt im nächsten Moment wieder gänzlich Raum für das Trio. Bei den komplexen, teils polyrhythmischen Stücken und den überraschend eleganten Übergängen zwischen improvisierten Jazz-Parts und Orchesterbegleitung ist das eine große Leistung! Die liefert aber vor allem auch das Trio: Abgesehen von Cohen sind allein der Pianist Omri Mor und der Percussionist Itamar Doari den Eintritt mehr als wert. Ihre fantastischen Soli beklatscht das Publikum frenetisch gegen die Klangwand des wieder einsetzenden Orchesters.

Avishai Cohen, der unter anderem einige Jahre Bassist von Chick Corea war, hat in seinen mittlerweile 14 Alben einen ganz eigenen, wiedererkennbaren Fusion-Sound kreiert. So spiegelt sich vor allem seine multikulturelle Heimat Israel in seiner Musik wider: Hebräische Liebeslieder treffen auf libanesischen Pop, traditionelle Lieder in Ladino („Judenspanisch“) auf Eigenkompositionen aus klassischem Jazz, Bossa und Gypsy – und alles bekommt letztlich seine individuelle Note. Mit diesen feinen Zutaten wechseln sich berührende, ruhige Lieder ab mit krachenden, instrumentalen Up-Tempo-Stücken, die das Publikum im Nikolaisaal am Ende aus den Sitzen reißen.

Zur Zugabe wird dann auch „Seven Seas“ gespielt, der Song, der mich für Avishai Cohen begeistern ließ. Wie nun genau die Rhythmik dabei funktioniert, habe ich bis jetzt nicht wirklich kapiert. Ist aber auch nicht schlimm, ich habe auch so begeistert zuhören und zuschauen können. Wie Cohen etwa seinen Bass bearbeitet und seine Soli teils dort spielt, wo der Instrumentenhals schon längst endet. Wie er inmitten virtuoser Läufe mit einem kurzen Zitat vom „Pink Panther“ ein kleines Augenzwinkern an alle Bass-Schüler dieser Welt einbaut. Ein Genuss – so wie das gesamte Konzert. (ro)

Am 6. Juni spielt Avishai Cohen mit Orchester im Essener Alfred-Krupp-Saal. Das Konzert mit Cohens aktuellem Projekt „1970“ am 4. April in der Hamburger Elbphilharmonie ist bereits ausverkauft.

Das Album „Almah“ (2013) war ein Grundstein für seine Zusammenarbeit mit Orchestern, das aktuelle Album „1970“ ist Ende 2017 erschienen.

Weitere Infos: avishaicohen.com

1 Kommentar

  1. Hallo,
    Ich bin genau der gleichen Meinung !
    Ich kenne Avishai Cohen seit erst einiger Wochen (leider), dank des Albums „1970“. Ich magte diese Musik/Stimme/Rythmus sofort ! Seitdem habe ich viele Konzerte auf Internet geschaut ( jazz festivals, oder mit Philarmonie-Orchestern, … ) und seine andere Albums gehört. Ich mag , nein, ich liebe alles. Das Stück „Seven seas “ und das Lied „Alon Basela“ sind meine Lieblingsten. Sie übermitteln so viele Energie und Kraft !! Man hat erneute Lust fortzusetzen, trotzt der Hindernisse.
    „About a tree“ gibt mir viele Trost, Vertrauen und Ruhe wenn ich mich gestresst fühle.
    Ausserdem passt Avishai Cohens Stimme so gut mit allen Melodien, sei es auf Englisch, Hebraïsch oder Ladino.
    Ich habe ihn in Paris am 31.03.2018 in La Cigale gehört: echt super ! Danke ihm 🤗
    Gruss, Anne

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