Schönheit hat viele Gesichter: Im Zwiegespräch mit den Old Masters im Supermarkt Golm

Wir sind nicht die Einzigen, die an diesem Nachmittag in die Hochkultur von Golm eintauchen. Ja, in diesem versteckten Winkel des seit 17 Jahren geschlossenen Lebensmittelmarktes ist eine Ausstellung zu sehen, die es in sich hat. Und die aufgrund der großen Resonanz bis Mitte November verlängert wird. Ich muss zugeben, dass ich mich etwas skeptisch auf den Weg gemacht habe: eher an Promi-Schaumschlägerei dachte als an zupackende Kunst. Irrtum!

„Old Masters“ ist diese aufwühlende Ausstellung überschrieben, in der berühmte Gemälde nachgestellt und fotografiert wurden. Es ist keineswegs ein Abklatsch der Alten Meister, was der polnischen Fotografin Sylwia Makris da in feinsinniger Neuinszenierung gelungen ist: kein ehrfurchtvolles Erstarren.

Hier ist man mit den Botticellis, da Vincis, Cranachs oder Caravaggios auf Augenhöhe. Die Frau mit Ohrring, Salome oder die Dame mit Hermelin sprechen zu uns: über ihre Erwartungen und Enttäuschungen und vor allem über ihre Würde. Die Ikonen der Malerei treten aus ihre jahrhundertealten Rahmen heraus und atmen Lebendigkeit und Verletzlichkeit. Models mit Gendefekten oder Amputationen standen selbstbewusst vor der Kamera – eingekleidet von der Modedesignerin Nina Athanasiou, die in aufwändiger Knüpf- und Stickarbeit die prächtigen Roben nachgestaltete. Diese Gewänder geben den Models Halt und Glanz. Anderen sind sie zu gewaltig oder engen sie ein. Die Protagonisten sind zum Teil kaum wieder zu erkennen, wie die Schauspielerin Nora Tschirner, die sich für Klimts Bild „Judith und der Kopf des Holofernes“ in goldene Seide hüllte. Die Models ahmen die Posen nach, behalten aber doch ihre ganz eigene Aura. Sie bedienen nicht die überspitzten Schönheitsideale, sondern setzen ihre eigenen persönlichen Akzente. „Das klassische Schöne interessiert mich wenig, obwohl ich natürlich auch Models für meine Reihe fotografiert habe, die allgemein als schön gelten. Genau diese Vielfalt macht für mich den Reiz aus. Ich möchte die Leute wachrütteln, ihnen zeigen: Es gibt nicht nur die eine Art der Schönheit und wir sollten Menschen akzeptieren, wie sie sind“, sagte die junge Fotografin in einem Zeitungsinterview.

Für sie erzähle ein Gesicht, was war, was hätte sein können oder was schmerzlich unter der Oberfläche warte, schrieb Sylwia Makris im Ausstellungsprospekt. Hässlichkeit gebe es nur im Inneren des Menschen. Ihre auf Leinwand gedruckten und mit mehreren Schichten eines speziellen Lacks überzogenen Fotos wirken wie gemalt. Obwohl kunstvoll inszeniert, ist da nichts Glattes, Abgestumpftes. Sicher liegt das auch am Mitwirken der Darsteller, die sich ihr Motiv selbst auswählen konnten.

Starke Charaktere wie die Albino-Topmodels Shaun Ross und Diandra Forrest, das Transgender-Model Garrison Partusch oder die von einem Gen-Defekt gezeichnete Melanie Gaydos geben nun den Alten und auch Jüngeren Meistern neue Gesichter und treten fast aus ihren Bildern heraus. Sie halten leise Zwiesprache mit uns und verfolgen uns gebannt mit ihren Augen, wenn wir durch die große weiße Halle mit den Einkaufskörben in der Mitte wandeln.

Wie geht es weiter mit diesem besonderen Kunstort in Golm? Neu-Galerist James Austin aus London, der jetzt in Potsdam wohnt, ist sich noch unschlüssig. Auf jeden Fall betreut er auch künftig Sylwia Makris, seine große Entdeckung, sagt er. Diese Künstlerin hatte vorher noch keine eigene Ausstellung und lebte von ihren Fotos für Yoga- und Kochbücher oder Aufnahmen von Musikern. James Austin schaut sich auch nach anderen Künstlern um. „Aber mit so einer großen Fläche wie hier in Golm muss man auch Geld verdienen und das geht nur mit wirklich guten Künstlern“, betont er. Mit der jetzigen Ausstellung, in der die Bilder um die 6000 Euro kosten, ist er sichtlich zufrieden. Er verkaufte sie bis nach Mexiko. „Auf dem Kudamm hätte ich auch nicht mehr Resonanz bekommen.“ Also auf nach Golm! he

Noch zu sehen bis 12. November, Do und Fr von 12 bis 18 Uhr, und zusätzlich an den Wochenenden 4./ 5. November sowie am 11./ 12. November von 11 bis 16 Uhr, im Supermarkt Golm, Reiherbergstraße 14.

Weiteres unter www.artsupermarkt.de und www.potsdam.tv/mediathek/28797/Old_Masters.html

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