Wieviel Theater darf sein? Am Sonntag beginnt die Vocalise und lotet aus, was in den Heiligen Hallen angemessen ist

Es war einer dieser unglaublichen, wunderschönen Momente. Wir saßen in sommerlicher Familienurlaubsrunde auf dem Marktplatz von Riga und studierten in einem der Cafés die Speisekarte. Beim Blick in das kunterbunte Treiben um uns herum tauchte plötzlich inmitten der Masse das Gesicht von Regine Rüss auf, von der namhaften Druckerei aus Potsdam. Die Freude auf diese unverhoffte Begegnung war groß und noch größer die Vorfreude auf ein Konzert, an dem wir sie am Abend erleben durften. Sie war spontan als Chorsängerin aus Potsdam angereist, um zusammen mit rund 300 Sängern im halligen Dom von Riga Haydns „Schöpfung“ zur Aufführung zu bringen. Menschen aus aller Herrgotts Länder fanden dort zusammen, um im rauschhaft-gewaltigen Sound das Werk erklingen zu lassen.

Am Sonntag hören wir nun gemeinsam Joseph Haydns „Schöpfung“ in Potsdam, zur Eröffnung des Vokalfestivals „Vocalise“ in der Erlöserkirche.

Diese Aufführung mit dem Neuen Kammerchor Potsdam in kleiner, feiner Kammerchorbesetzung und mit den renommierten Solisten Nina Bernsteiner, Markus Schäfer und Sebastian Noack wird sicher ganz anders reizvoll erklingen. In der Erarbeitung von Ud Joffe können wir auf geschliffene Facetten dieses vielschichtigen Werkes gespannt sein. Das Werk besticht durch seine wohlkalkulierte Mischung aus liedhafter Eingängigkeit und höchster Differenzierung, aus natürlicher Schlichtheit und hoher Virtuosität. Ein Hörgenuss für’s Publikum.

Sieben Veranstaltungen stehen als ein musikgeschichtliches Potpourri insgesamt auf dem diesjährigen Vocalise-Programm. Das Motto lautet: „Wir machen (k)ein Theater“! Darauf gekommen ist Ud Joffe nach Gesprächen, in denen darüber diskutiert wurde, wieviel „Theatermachen“ in der Kirche angemessen sei.

„Mach doch kein Theater“ sagen wir oft, wenn jemand überzogen reagiert. „Aber welche Maßstäbe setzen wir an, wenn wir überlegen, wieviel ,Theatermachen‘ in ein szenisches Werk gelegt werden darf, das geistlichen Inhalt vermittelt und in einer Kirche aufgeführt wird?“. Darüber reflektieren die Musiker und Sänger immer wieder. Auch Ud Joffe treiben diese Fragen um: „Wann reizen theatralische Mittel unsere Sinne positiv, wecken unsere Wahrnehmung und ist ein gewisses Maß an Theatralik hilfreich, um Inhalte zu transportieren? Ab wann wirkt es künstlich überspannt, aufdringlich, überfordernd bis abstoßend? Ab wann wird es eitel, affektiert?“ Gerade auch für die Sänger sei es wichtig zu wissen, inwieweit ein „Aus-sich-Herausgehen“ der musikalische Gestaltung helfe und ob ein „körperliches Singen“ die Wirkung unterstütze?! „Das bleiben Fragen, die besonders bei Aufführungen in den ,heiligen Hallen‘ der Kirchen immer auch eine Rolle spielen.“

Die Vocalise sucht in einer großen Bandbreite der Werke nach Antworten: in Monteverdis „Marienvesper“, aufgeführt mit historischen Instrumenten, über die szenische Oper „Elias“ bis hin zu einem Oberton-Workshop.

Wir sind gespannt, auf dieses ganz besondere „Theater“. he

 

Eröffnungskonzert der VOCALISE 2017 in der Erlöserkirche: am Sonntag, 19. November, 17 Uhr

Joseph Haydn (1732-1809): »Die Schöpfung«

Ausführende:

Nina Bernsteiner – Sopran; Markus Schäfer – Tenor; Sebastian Noack – Bass

Neuer Kammerchor Potsdam
Neues Kammerorchester Potsdam
Leitung: Ud Joffe

Freie Platzwahl. Eintritt: 20 € / erm. 15 €

Eintrittskarten erhältlich über das Kartenbüro: tickets@vocalise.de
oder online über WWW.RESERVIX.DE

 

1 Kommentar

  1. Danke für die freundlichen Worte, welch‘ nette Erinnerung an die schönen Sommertage in Riga mit soviel Gesang in den Straßen, Plätzen, Kirchen und Konzerthallen. Riga ist unbedingt eine Reise wert!
    Herzliche Einladung an alle Kultursegler-Freunde zum Eröffnungskonzert der »Vocalise 2017«. Das wird ganz sicher ein sehr schönes Konzert!

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