So sahen wir Frederick Lau noch nie

Bevor Amy und Señor Kaplan sie von der Leinwand verdrängen, sollten Bummelanten schnell noch Victoria besuchen. Dieser Film ist ein Muss für Leute, die das junge Berlin in ihrer dunklen Unerschrockenheit erleben wollen.

Victoria ist nicht nur eine Überraschung für Technikfreaks, weil der ambitionierte Regisseur Sebastian Schipper – den wir auch als Schauspieler kennen – einen ganzen Film mit nur einer einzigen Kameraeinstellung drehte. 140 Minuten lang! Nein, diesen technischen Coup vergisst der Zuschauer völlig, wenn er sich auf die Handlung einlässt, auf diesen Wahnsinnsritt der fünf aufgedrehten verlorenen Typen zwischen Kellerklub und Hochhausdach, Tiefgarage und Luxussuite. Er heftet sich mit immer kräftigerem Herzpuckern an die Fersen dieser Nachtgestalten und sitzt am Ende fassungslos im Kinosessel. Was mit einer munteren Party beginnt, auf der die einsame Spanierin Victoria (Laia Costa) endlich das richtige Leben jenseits ihres Kellnerjobs spüren will, steigert sich ins Unglaubliche. Und könnte sich doch genauso ereignet haben in der unbändigen Lust auf den großen Kick, um der Leere des Ghettos zu entfliehen. Die vier ziemlich schweren Jungs Sonne (Frederick Lau), Boxer (Franz Rogowski), Blinker (Burak Yigit) und Fuß (Max Mauff) geraten in einen Sog der Ereignisse, in ein wildes Straucheln ohne Halt, und ziehen Victoria mit hinein.

Um eine alte Schuld zu begleichen, überfallen sie gemeinsam eine Bank. Es folgt eine dramatische Flucht. Zwischen dieser brodelnden Gewalt, Kraftmeierei und beherzten fragwürdigen Kumpeltreue wächst etwas Leises, Zartes. Sonne und Victoria nähern sich einander und staunen beglückt, was mit ihnen ganz plötzlich passiert.

Die besondere Überraschung des Films ist Frederick Lau. Endlich ist er in einer Rolle zu sehen, die ihn nicht als ewig strauchelnden spätpubertären Widerling zeigt. Lau trumpft auf mit einer Figur, die ihre Ecken und Kanten hat, aber auch das Weiche und liebenswert Arglose zeigen darf. Der Film hat durchaus seine Längen. Manche Autofahrt hätte auch kürzer sein dürfen. Aber so können Nächte manchmal sein: unerbittlich lang. „Victoria“ – entstanden nach nur 12 Drehbuchseiten – war der große Gewinner der Berlinale 2015. Die Bären als Trophäen gingen verdient an ein bärenstarkes Team, das die Leere junger Leute hautnah spüren ließ: ihr kantenscharfes Ausprobieren und Ausrutschen, Aufstehen und wieder Ausrutschen. Bis zum bitteren Ende.

Zu sehen im Babelsberger Thalia-Kino, 21.15 Uhr, Rudolf-Breitscheid-Str. 50

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